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Judentum und Christentum von Max Dienemann Teil 1

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Judentum und Christentum von Max Dienemann Teil 1

Beitrag  Admin am 26/3/2012, 18:15


Judentum und Christentum


Max Dienemanns wichtiges Buch zu den Unterschieden von Judentum und Christentum aus dem Jahre 1919 zum online lesen.
Als Verteter eines traditionsorientierten, gegen die Assimilation gewandten, liberalen Judentums, erklärte er ganz klar, wo die Grenzen zwischen den Religionen liegen und wie viel eigener Wert im Judentum liegt.
Rabbiner Dienemanns Werk hat heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt und sollte Grundlagenwerkt für jüdisch-christlichen Dialog sein.

Einleitung


Von Unterschieden zwischen Judentum und Christentum soll auf den folgenden Blättern die Rede sein.
Zu welchem Zwecke? Nicht in der Absicht anzugreifen.
Es sei uns fern, eine Kritik des Christentums zu geben, Glaubenssätzen nahe zu treten, in denen Millionen Menschen Beseligung und innere Ruhe finden. Worauf es uns ankommt, ist einzig und allein, zu zeigen, welche Lehren dem Judentum eigentümlich sind, was die Juden von altersher von dem Eintritt in das Christentum abhielt und auch in aller Zukunft abhalten muss. So wahr es ist, dass .aller Religion Höchstes und Letztes ist, die Menschen durch den gemeinsamen Besitz Gottes in einem Bruderbunde zu einigen und zu der  Erkenntnis zu führen, dass echte Frömmigkeit sich in allen  Religionsgemeinschaften finde, so wahr ist es auch, dass man sich in den besonderen Geist jeglicher Religion hinein fühlen, sie in ihrer Geschlossenheit begreifen und in ihrer Eigenart erleben muss, wenn jeder in seiner Religion diese letzten und höchsten gemeinsamen Endziele finden soll. Man kann nicht die seelischen Voraussetzungen, die Wurzeln einer religiösen. Anschauung als belanglos und gleichgültig beiseite schieben und sich nur an die willkommenen Früchte halten; will man die Früchte aller Religion, die Nächstenliebe und die Sittlichkeit ernten, dann muss man auch die Wurzeln jeglicher religiösen Anschauung pflegen.
Den modernen Menschen hatte bereits ein neu sich regendes Sehnen die Notwendigkeit des Besitzes religiöser Ideale gelehrt, und unsere jüngsten Erlebnisse  haben dieses Sehnen vertieft und gesteigert; damit beginnt aber auch ein neuer Wettkampf der Religionen  in ihrem Streben, die Welt mit ihren Gedanken zu erfüllen, und zwar nicht nur auf der Grundlage der dogmatischen Prägung, die sie in alten Zeiten erhielten,  sondern auf dem Grunde der ganzen ihren Bekennern eigentümlichen Anschauung. Und eben darum ist es vonnöten, mit-, aller Entschiedenheit und Deutlichkeit die Lehren zu zeigen, die das Judentum bisher mit Zähigkeit festgehalten hat, in denen es sich von der christlichen Umwelt unterschieden fühlte, und an denen  es auch weiter festhalten muss, wenn es sich erhalten will.  Es handelt sich, um es mit einem Worte zu wiederholen, darum, für das Judentum das Recht auf die  eigene Anschauung erneut aufzustellen und zu begründen. Diese Aufgabe wäre überflüssig, wenn man der Überzeugung sein könnte, dass die Unterschiede der religiösen Lehren allgemein bekannt wären. Das ist aber keineswegs der Fall.
Im Gegenteil, es herrscht gerade über die Punkte, in denen Judentum und Christentum am entschiedensten auseinandergehen, eine seltsame und bedauerliche Unkenntnis. Innerhalb der jüdischen Kreise hat sich infolge der vielfachen auf das Judentum gerichteten Angriffe fast alles Interesse in der Verteidigung erschöpft, so dass man nur selten Gelegenheit fand, positiv die besondere Art der jüdischen Ideenwelt hervorzuheben. Und innerhalb der nichtjüdischen Kreise ist man meistens so befangen in der Anschauung, dass das Judentum eine überwundene und abgetane Form der Religion sei, dass man es sich gar nicht vorzustellen vermag, die Juden von heute sollten sich nicht als überwunden erklären, ja hätten sogar ein deutliches Bewusstsein von ihrer religiösen Eigenart und den ausgesprochenen Willen, sie zu erhalten.
Man sieht zudem die Juden – infolge ihrer eigentümlichen politischen Stellung – so ganz und gar mit dem Kampf um die bürgerliehe Gleichberechtigung beschäftigt, dass ein Außenstehender in der Tat zu der Meinung kommen kann, dieser Kampf sei ihr einziges Interesse; und sie hielten der alten Glaubensgemeinschaft höchstens aus Gründen der Ehre oder der Pietät die Treue,  aber ohne die Gewissheit eigener Ideale und. deren Lebensfähigkeit, Soweit geht schließlich die Unkenntnis der  wahren Sachlage, dass man wohl. die Unterschiede zwischen orthodoxem Judentum und orthodoxem Christentum begreift; dass man aber schon fast widerspruchslos das Urteil passieren lässt, zwischen liberalem Judentum und liberalem Christentum sei ein innerer Unterschied nicht vorhanden. Da ist eine gründliche Aufklärungsarbeit nötig, die klar und entschieden zeigt, wie im Religiösen eine geschlossene jüdische einer ebenso geschlossenen christlichen Anschauung gegenübersteht.
Wenn das also dargelegt werden soll, dann bedarf es nicht der lückenlosen Aufzählung aller Punkte, in denen sich Judentum und Christentum unterscheiden; von der Dreieinigkeit, dem Marienkult, der Heiligenverehrung erneut zu reden, ist unnötig. Nicht etwa deshalb, weil es auch Christen gibt, die darüber zur Tagesordnung übergegangen sind, und weil diese Lehren deshalb als von untergeordneter Bedeutung erscheinen könnten; denn das Bekenntnis der Kirche hält sie unverbrüchlich fest, und dieses Bekenntnis wird bei jedem Gottesdienst gesprochen, und jeder Übertretende hat sich darauf zu verpflichten. Ihre Bedeutung in der Reihe der Unterschiede zwischen Judentum und Christentum, ist noch immer die alte, aber sie sind so allgemein bekannt, dass sie nicht mehr besonders erwähnt zu werden brauchen. Uns muss es sich hier um den einen Punkt handeln, der hüben und drüben das Charakteristische ist, der in den alten Tagen der Ausgangspunkt aller Unterschiede war und auch heute, und heute mehr denn je, der wesentliche ist, an dem gleichsam alles andere hängt. Und dieser Punkt ist die Lehre vom Menschen, die Anschauung über Art und Wesen des Menschen. Zu schildern, wie Judentum und Christentum über den Menschen, sein Wesen und Können urteilen, wie daraus alle Unterschiede zwischen den beiden Religionen hervor wachsen, das und nur das sei die Aufgabe dieser Schrift.
Das Wesen des Menschen


Geben wir erst einmal mit einem kurzen und knappen Satz den wesentlichen Unterschied:
„Das Judentum lehrt, dass die Seele des Menschen von Geburt rein und sündlos ist, dass der Mensch. von Natur aus mit der Fähigkeit begabt ist, das Gute zu tun und sittlich zu handeln aus eigener Kraft. Das Christentum lehrt, dass der Mensch von Geburt an mit Sünde behaftet ist, dass seine eigene Kraft nicht ausreicht, das Gute zu tun, dass Sünde und Schuld die herrschende Macht im menschlichen Leben ist“.

Das ist, in wenigen Worten, der grundlegende Unterschied.  Nun wird sich die Frage erheben: Ist dieser Unterschied denn so schwerwiegend? Es ist ja in der Tat bei einem flüchtigen Erfassen des Satzes kaum zu begreifen, dass von hier aus die Kluft der Anschauung zwischen den zwei Religionen sich auftun soll; dass von hier aus die Persönlichkeit Christi in den Mittelpunkt des christlichen Bewusstseins rücken musste; dass von hier aus eine verschiedengeartete Wertung der Welt und der Kultur sich vollzieht. Darum wird es notwendig sein, ausführlich die jüdische und diechristliche Anschauung zu schildern. Beginnen wir mit der Darstellung der christlichen Lehre. Das Christentum geht von der biblischen Erzählung von Adams Sünde aus. Durch seine Sünde habe Adam Kräfte und Gaben, mit denen Gott den Menschen ursprünglich ausgestattet hatte, verloren. Die Folgen der Sünde des ersten Menschen schildern die beiden Zweige des Christentums, Katholizismus und Protestantismus, in folgender Weise. Der Katholizismus lehrt, dass durch die Sünde das Ebenbild Gottes im Menschen nicht gänzlich zerstört, sondern nur verunstaltet wurde, dass der Wille  seiner Kraft gebrochen und dauernd geschwächt wurde, so dass er nunmehr zum Bösen sich neige. Was im Menschen zurückblieb, das wäre eine gewisse Fähigkeit, gelegentlich einzelne „bürgerlich“ gute Handlungen zu verrichten, aber einen religiösen Wert haben diese Taten nicht, sie sind kein Mittel der Verbindung des Menschen mit Gott. Schärfer noch zeichnet der Protestantismus die Folgen des Sündenfalles. Nicht nur, dass der Mensch in seinen natürlichen Fähigkeiten geschwächt worden sei, nein, es sei nunmehr in ihm eine völlige Verderbtheit, eine vollständige Unfähigkeit, aus eigener Kraft irgendetwas Gutes zu tun, sodass im Grunde alle Werke des Menschen, auch seine so genannten guten, eitel Sünde sind. Geblieben sei im Grunde nur die religiöse Anlage, d. h. die Fähigkeit, die ganze Qual, der nunmehrigen Gottverlassenheit zu empfinden, und die Fähigkeit, erlöst zu werden; zerstört dagegen sei die Anlage, sich aus eigener Kraft zu entwickeln. Diese Sünde des Adam aber mit allen ihren Folgen: sei nicht bloß seine, des Adam, Sünde geblieben, sondern sie sei von ihm auf die ganze Menschheit übergegangen, so dass fortan jeder Mensch in dem Zustande in die Welt eintritt, in dem Adam nach seiner Sünde war.
Es erbe sich die Sünde des ersten Menschen so durch das ganze Menschengeschlecht hindurch fort; man nennt sie daher die Erbsünde. Sie wird gedacht als eine innere, in der Seele haftende, allen Menschen, eigene Schuld; sie ist nicht etwa eine nur einmalige Handlung, ein vereinzeltes, dem göttlichen Willen widerstrebendes Handeln, sondern ein dauernder Zustand der Abwendung von Gott, eine Gesamtrichtung  und ein Gesamtzustand. Diese Erbsünde bringe dem Menschen ewige Verdammnis; ihr fallen selbst die Kinder anheim, die noch nicht mit Wille sündigen konnten. Mit jedem neu entstehenden Menschen entstehe neu die Sünde, mit seiner Geburt ist sie in ihm; sie geht jeder Tat des Einzelnen voraus, wie die Wurzel früher ist als die Zweige und die fehlerhafte Beschaffenheit früher als die böse Tat. Dem Reiche Gottes setze  sich so auf Erden ein Reich des Zornes entgegen. Es ergibt sich sonach als die gemeinsame christliche Vorstellung, dass die Sünde die Herrschaft über das menschliche Leben gewonnen habe, dass die Kraft des Menschen, in frommer und reiner Tat den Weg zu Gott zu finden, gebrochen sei, dass er in Sünde und Schuld verstrickt, sei, die ihn gefangen nimmt und gefangen hält auch wider seinen Willen.
Mit aller Schärfe ist diese ganze Lehre in den Briefen des Apostels Paulus ausgesprochen, so im Briefe an die Römer:

„Denn ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. So ich aber tue, das ich nicht will, so tue ich das selbige nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnet“ (7, 18 ff.).

„Deshalben, wie  durch einen Menschen die Sünde ist kommen in die  Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der  Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie  alle gesündigt haben“ (5, 12).

Und ferner im Briefe  an die Epheser:

„… wir taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren Kinder des Zornes  von Natur“ (2, 3).

Wir sehen hier, wie die Sünde geradezu zu einer widergöttlichen, die Menschen beherrschenden Macht, erhoben wird, der niemand zu entrinnen vermag. Das Christentum hat, indem es den jüdischen Gedanken vom allerbarmenden Gott aufnahm und den Heiden predigte, in seiner Einflusssphäre die Idee des Fatums zerstört, des unerbittlich über den Menschen waltenden Schicksals, dem keiner zu entrinnen vermöge, jene Idee, unter der die Menschen des Altertums erseufzten und sich in Hoffnungslosigkeit verzehrten. Aber es ist, wie wenn jene Idee sich gerächt und in ihrem Ersterben sich in die Vorstellung von der Sünde geflüchtet hätte, die nun ebenso wie einst das Schicksal die Menschen beherrscht.  Es ist leicht zu verstehen, wie aus der vorgetragenen Grundanschauung vom Wesen des Menschen, seiner Geburt in Sünde, seiner Unfähigkeit, aus eigener Kraft sittlich zu handeln, die Lehren über Gott und Christus entstehen mussten. Hat durch Adam die ganze Menschheit eine so schwere Schuld auf sich geladen, dann erfordert es die Gerechtigkeit, dass, dafür volle Sühne geleistet werde. Durch wen soll aber diese Sühne geschehen? Durch den Menschen selbst? Unmöglich, er hat doch eben keine eigene Kraft dazu. Da ist nur eine Hilfe möglich: wenn jemand, der rein und schuldlos ist, sich für die Menschen opferte und ihre Sünde auf sich nähme. Denn der Tod des Reinen, Unschuldigen, so war ein weit verbreiteter Glaube unter den Völkern des Altertums, kann eine Sühne werden für den Sünder. Aber wo ist dieser Sündlose? Ein Mensch kann es nicht sein, denn die Sünde hat doch über alle Menschen Macht. Da sagt nun das Christentum: Gott, selbst gab die Sühne. Er nimmt in Jesus Menschengestalt an, und so ist dann auf der Erde einer, der rein und fleckenlos ist. Jesus nimmt die Sünden der Menschheit auf sich und stirbt zur Sühne für sie. Er wird durch seinen Tod der Erlöser der Menschen. Wer an ihn und seinen Opfertod glaubt, ist durch diesen Glauben befreit von der Macht der Sünde. So ergeben sich die Dogmen der christlichen Kirche, ergibt sich die Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit der Person Christi, des Erlösers, und seiner Sendung aus der Überzeugung: von der religiösen und sittlichen Unzulänglichkeit des Menschen. Nun kann man ja allerdings den auf den ersten Blick sehr berechtigt erscheinenden Einwand erheben: Ist denn das alles noch eine dem heutigen christlichen Bewusstsein eingeschriebene Anschauung? Ist denn das noch der Glaube, der die gesamte Christenheit umfasst? Wenn auch die katholische Kirche im großen und ganzen von Strömungen, die über diese Gedankenkreise hinauszuführen suchen, sich frei zu halten verstanden hat, in der protestantischen Kirche, die von jeher in einem freieren Flusse der Entwickelung gestanden hat, gibt es doch, vor allem in der Gegenwart, eine Strömung, die über diese Lehrbegriffe hinaus strebt, für die Christus nicht mehr der Gottessohn ist,  für die der Opfertod Christi seine Geltung verloren hat. Ist es da nicht ein Unrecht, auch in unseren Tagen noch diese Lehre von der Erbsünde als einen der wesentlichen Unterschiede zwischen Judentum und Christentum hinzustellen? Es ist wahr, man hat sich in manchen Kreisen des Protestantismus von der Lehre von der Erbsünde in dem wörtlichen Sinn, dass sie die Folge dereinst von Adam auf sich geladenen Schuld sei, wohl freizumachen versucht, aber gehliehen ist nach wie vor im Protestantismus der Gedanke einer, der menschlichen Seele von Natur innewohnenden Kraftlosigkeit, der Gedanke von der herrschenden Gewalt der Sünde.
Man fasst die biblische Erzählung vom Sündenfalle Adams nicht mehr wörtlich als eine Tatsache, aber man fasst sie als die poetische Einkleidung einer unauslöschlichen Wahrheit auf, der nämlich, dass der Mensch unter der Herrschaft der Sünde stehe. Die Bibel kleide das nur ein in die Form der Erzählung von Adam und dessen Versündigung. Es bleibt auch für den heutigen Protestantismus eine Wahrheit, dass dem Menschen ohne Christus eine religiöse Hilflosigkeit innewohnt. So sagt Schleiermacher: „Die vor jeder Tat eines Einzelnen in ihm vorhandene und jenseits seines eigenen Daseins begründete Sündhaftigkeit ist in jedem eine nur durch den Einfluss der Erlösung wieder aufzuhebende vollkommene Unfähigkeit zum Guten.“ Und Ritschl, einer der Begründer des modernen Protestantismus, führt aus, „dass es nicht nur eine individuelle Sünde gebe, sondern ein Reich der Sünde, das Gegenbild des Reiches Gottes.“ Wie stark auch in den Kreisen, die dem Dogma fernstehen, Dogma heißt ein Lehrsatz, dem ewige Geltung zugesprochen wird und an den alles glauben muss -  die Macht der Sünde als eine Wirklichkeit empfunden wird, zeigt am deutlichsten das Beispiel Kants, der, selbst dem dogmatischen Christentum fernstehend, doch aus seinem christlichen Bewusstsein heraus den Gedanken vertritt, dass in der Natur des Menschen ein grundsätzlicher Hang zum Bösen sei, der durch die eigene Kraft des Menschen nicht zu überwinden ist. So kommt es, dass man in kirchlich liberalen Kreisen wohl die Gottheit Christi und seinen Opfertod verwirft, und doch die Person Christi und das Anhangen an ihm als notwendig empfindet. Man deutet die Erzählung von seinem Leben und Sterben als Beispiel und Anleitung zum rechten Leben, man nimmt allerhand Umdeutungen vor, hat aber den Gedanken der Sündhaftigkeit und religiösen Hilflosigkeit des Menschen nicht fallen gelassen und muss daher doch auf irgendeinem Wege immer wieder zu Christus kommen als dem, der die Menschen gelehrt hat, ihrer Sünde los und ledig zu werden. Denn für alle Schattierungen der christlichen Gesamtheit bleibt das der Ausgangspunkt ihres religiösen und sittlichen Empfindens: alle Frömmigkeit  beginnt damit, dass der Mensch die volle Wucht der auf ihm lastenden Sündenschuld und seine Unfähigkeit, aus eigener Kraft von ihr sich zu befreien, empfinde.

Anders das Judentum.

Seine Anschauung gipfelt in  dem Bekenntnis: die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht darin, dass er in sich die Kraft zum sittlichen Handeln trägt; nicht Schwäche und Hilflosigkeit ist  das unauslöschliche Merkmal seines Geistes, sondern Kraft  und Reinheit. „Wir treten“, so hat es Guttmann klassisch formuliert, „wir treten in das Leben ein in der  vollen Reinheit und Ursprünglichkeit unseres gottentsprungenen Wesens, als ob wir das erste Menschengebilde wären, das aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist. Jeder Morgen, zu dem wir erwachen, lässt  uns zu neuer Gottesebenbildlichkeit erstehen und kann  für uns zum Ausgangspunkt eines neuen, alle Irrungen der Vergangenheit überwindenden Lebens und  Strebens werden.“
Das Bewusstsein der seelischen  Reinheit, mit der uns Gott begnadet hat, vermittelt  uns immer aufs Neue das Kraftgefühl, aus dem die  sittliche Läuterung sich vollziehen kann.
So prägt es  sich aus in dem Bekenntnis, mit dem nach, der Vorschrift des Talmud das Morgengebet anheben soll:  „Mein Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein“. Die jüdischen Weisen im Midrasch und Talmud werden nicht müde, in mannigfacher Wiederholung den Gedanken immer aufs neue auszusprechen,  dass der Mensch unbefleckt und sündlos geboren wird und die Kraft besitzt, sich in Reinheit zu erhalten.Hier ein Beispiel: Zu dem Worte aus dem Buche Kohelet (12, 7):
„Der Geist kehrt zurück zu Gott, der ihn gegeben“ bemerkt der Talmud (Schabbat 152 b): „Gib ihn Gott so rein zurück, wie er ihn dir einst gegeben.“ Die Sünde ist nach der jüdischen Lehre also nichts Notwendiges, nichts dem Menschen Angeborenes, von ihm Untrennbares.  Nun ist es doch aber, mag man mit Recht hier fragen, seltsam, dass das Judentum eine angeborene Sündhaftigkeit des Menschen ablehnen soll, während doch die oben geschilderte christliche Anschauung auf eine Bibelstelle sich stützt. Sehen wir hier also einmal näher zu. Die christliche Lehre beruft sich in der Hauptsache auf das Wort, das nach 1. Mose 8, 21 Gott nach der Sintflut sprach: „Ich will nicht mehr die Erde verfluchen um des Menschen willen, denn der Trieb des Menschenherzens ist böse von seiner Jugend an.“  Einem unbefangenen Beurteiler wird es auch hier klar sein, dass von irgendeiner Erbsünde und ihrer Sühne in diesem Verse nicht gesprochen wird, und dass man ihn schon willkürlich deuten muss, wenn man in ihm alles das finden will, was das Christentum in ihm gesucht hat. Geben wir aber gar ruhig zu, dass in ihm tatsächlich ein Anklang an eine Anschauung ist, die eine im Menschen von Natur wirksame Macht des Bösen annimmt. Ja, wir müssen der Wahrheit die Ehre geben und weiter erwähnen, dass gelegentlich auch jüdische Weise die Geschichte von der Sünde des ersten Menschen in einer Weise dartun, dass man den Glauben an ein Fortwirken der Sünde in der Menschheit herauslesen könnte.
Und dennoch, und allen solchen Worten zum Trotz, hat das Judentum eine Lehre ausgebildet; die zu dem Sinne, den das Christentum in diesem und ähnlich-lautenden Bibelsätzen fand, in vollständigem Gegensatz steht. Es zeigt sich hier wieder einmal, dass es bei der Beurteilung des Lehrgehalts einer Religion nicht einzig auf diesen oder jenen Satz ihrer heiligen Urkunde ankommt, sondern auf den Geist, in dem sie ihre heiligen Bücher gedeutet und verstanden hat. Das Christentum hat an der Hand jener und ähnlicher Bibelstellen seine herrschende Gesamtrichtung gewonnen;  im Judentum ist man mit einer durch alle Geschlechter sich hindurch ziehenden Beharrlichkeit über solche Bibelsätze hinausgegangen. Wo sich Gedanken regen wollten, die an die Aberkennung einer in der Menschheit fortwirkenden Verschuldung streiften, sanken sie - kaum beachtet-, auf den Grund der Kanäle, die weitab vom breiten Hauptstrom des Judentums ihre Wasser führten.
Man hat in ihm  aus der Erzählung vom Sündenfall kein Dogma gemacht; man hat von den Folgen und Wirkungen der Sünde Adams gesprochen, man hat im Anschluss an den oben zitierten Bibelvers den Begriff „jezer ha’ra“ „der böse Trieb“ ausgebildet, aber man hat nicht im Entferntesten daran gedacht, die darüber geäußerten Meinungen zu einem Lehr- oder Glaubenssatz zu erheben und durch sie dem religiösen Denken die Prägung aufzudrücken.  Und so zieht sich durch Bibel und Talmud immer deutlicher eine entschiedene Gesamtrichtung, die dahin  geht, den Gedanken der Vererbung des Bösen auf Dauer und Ewigkeit abzulehnen und die angeborene Kraft der Menschennatur zum Guten zu betonen. An der Spitze steht der unübertreffliche biblische Satz: „Es sollen die Kinder nicht getötet werden um der Väter willen, jeder soll um seiner Sünde willen sterben“ (5. Mose 24, 16). Die Lehre setzt sich dann fort in der klassischen Rede des Propheten Ezechiel über die Gerechtigkeit Gottes (Kapitel 18): „und es erging das Wort Gottes an mich: Was ist‘s mit euch, dass ihr im Lande Israel das Sprichwort führet: ,Die Väter haben saure Trauben gegessen, und die Zähne der Söhne werden stumpf? So wahr ich lebe, spricht Gott, ihr sollt nicht weiter dies Sprichwort in Israel reden. Siehe, alle Seelen sind mein, die Seele des Vaters wie die des Kindes, nur der, der sündigt, hat den Tod verdient.“
Und sie findet ihre Vollendung in der Agadah, die das beweiskräftigste Zeugnis ist, weil sich ja bei dem Fehlen eines ausgearbeiteten Systems der jüdischen Lehre die Gesamtrichtung des jüdischen Geistes nur aus der Art erschließt, wie die Rabbinen die Bibel gedeutet und erklärt haben, und weil gerade die agadische Deutung das Spiegelbild der persönlichen Frömmigkeit ist. Da ist denn zunächst das bedeutungsvolle Schweigen zu beachten, mit welchem an dem Bibelverse vorbeigegangen wird, von dem die christliche Lehre ausging. Es ist wie ein absichtliches Zur-Tagesordnung-Übergehen, kaum dass davon geredet wird, und wenn, dann so kurz und knapp, dass man deutlich merkt, man kommt gar nicht auf den Gedanken, dass sich in dieser Bibelstelle eine Kernlehre der religiösen Anschauung verdichtet haben könne. Und wenn man von dem „jezer ha’ra“, dem bösen Triebe, spricht, dann stets in einer Weise, dass es ganz deutlich ist, wie tief man überzeugt ist, dass nicht er Herr über den Menschen ist, sondern der Mensch Herr über ihn.
So sagt z. B. der Midrasch Tanchuma zu dem genannten Bibelvers: „Und wenn du nun fragen wirst: Warum schuf Gott überhaupt erst den ‚jezer hara‘, den bösen Trieb? antwortet Gott: Wer macht ihn denn zum bösen Trieb, nur du selbst.“ „Oh Adam“, so sagte Rabbi Jehuda ben Padja, um zu zeigen, wie die Menschheit von ihren Anfängen an in immer steigender Vervollkommnung die Kraft zum Guten zu betätigen vermag, „Oh Adam, wenn du doch heute aus deinem Grabe aufstehen und deine Kinder sehen könntest! Du vermochtest das eine Gebot, das, dir gegeben ward, nicht zu halten, und welche Kraft des Gehorsams vermögen deine Kinder zu bewähren!“ (Bereschit Rabbah 21) – „Vor der Empfängnis“ , so predigte Rabbi Chanina bar Papa, um seinen Hörern die Lehre zu vermitteln, dass kein Mensch in Sünde verfallen muss, fragt ein Engel Gott, was aus dem neu sich bildenden Kinde werden wird, ob es ein starker oder ein schwacher Mensch sein wird, ob klug oder töricht, reich oder arm, aber er fragt nicht, wird es ein guter oder ein schlechter Mensch sein, denn das hat Gott nicht zu bestimmen“ das liegt allein in des Menschen Hand“ (Niddah 16 b). Und diese Anschauung zieht sich durch das ganze jüdische Schrifttum hindurch. Den Zeugnissen aus dem talmudischen Schrifttum stellen sich gleichlautende der mittelalterlichen Religionsphilosophen an die Seite. Maimonides formuliert es folgendermaßen (Hilchoth Teschubah 54): „Wenn es, wie behauptet wird, wirklich etwas gäbe, was den Menschen als angeborene Beschaffenheit zu bestimmten Handlungen triebe, wozu hätte Gott uns durch seine Propheten da erst befehlen lassen: tue dies und lasse jenes? Treibe ihn seine angeborene Beschaffenheit ja doch zu tun, wovon er nicht abweichen kann.“ In ähnlicher Weise vertritt das ganze jüdische Schrifttum in seinen wichtigsten Vertretern als die durch die Jahrhunderte hindurchgehende Gesamtrichtung des Judentums die Überzeugung, dass die Sünde nicht das Dauernde sei, sondern eine flüchtige und vorübergehende Hemmung des wahren Besitzes unserer Seele.
Was aber ergibt sich nun aus der geschilderten Verschiedenheit der Grundanschauung?
Es ergibt sich daraus, dass Judentum und Christentum. in der Seelenstimmung, aus der die Frömmigkeit hervor wächst und ihre besondere Note empfängt, auseinandergehen. Es sei nochmals gesagt, dass es sich hier nicht darum handelt, in eine Kritik eines fremden Bekenntnisses einzutreten; es ziemt dem, der außerhalb eines Bekenntnisses steht, sich mit der gleichen Achtung vor dem Glauben und der Gemütsstimmung des andern zu beugen, die er für sich selbst wünscht. Nur das, was ist, soll zur Förderung der Wahrheit und des gegenseitigen „Sich kennens“ ausgesprochen werden. Der Christ hat die Überzeugung, dass der Mensch unter der Herrschaft der Sünde stehe und aus eigener Kraft unfähig zum Guten sei. Es ist für ihn daher selbstverständlich, dass Frömmigkeit zu beginnen habe mit dem Bewusstsein der Sündhaftigkeit, und dass alles Streben darauf  zu richten sei, wie man von der Sünde loskomme. Alles  Frommsein hebt nach seiner Anschauung mit der Erkenntnis von der Macht der Sünde an und mit der  Sehnsucht nach Erlösung.  Es gilt im protestantischen Bewusstsein als das gewaltige Verdienst Luthers, dass er die völlige Hinfälligkeit und Sündhaftigkeit des Menschen wieder ins Bewusstsein gehoben habe. Und als die Zeit der Aufklärung die christlichen Lehren verflacht und verflüchtigt hatte, begann die Erneuerung damit, dass Schleiermacher die Hilflosigkeit des Menschen predigte und  das Bewusstsein der allgemeinen Sünde wieder zu erwecken sich bemühte. Umgekehrt ist bei dem Juden der Ausgangspunkt  aller Frömmigkeit: zu fühlen, dass er mit der Kraft zu sittlichem Handeln begabt ist, und wie er durch seine Tat sich und seine Nachwelt emporsteigern kann und emporzusteigern verpflichtet ist. Die jüdische Frömmigkeit erhält ihre eigene Note durch das stete Anknüpfen an die Kraft des Menschen, sodass man es geradezu als die Erziehungsmethode des Judentums bezeichnen kann, das Können des Menschen zu verdoppeln und seinen Willen anzuspannen, indem man ihm fort und  fort seine Stärke predigt und ins Bewusstsein hebt: Nicht etwa als ob das Judentum die Sünde nicht  ernstgenug erfassen wollte. Über diesen Vorwurf muss  eine Gemeinschaft erhaben sein, die die herrlichen Bußpsalmen geschaffen, den Begriff der Sünde aus dem Bereich des Kultischen ins Reich des Sittlichen erhoben, die einen Feiertag wie den Versöhnungstag erzeugt und Männer wie die Propheten hervorgebracht hat, die mit so unübertrefflichem Ernst den Sündern ihre Sünde vorhielten.
Das Judentum verschließt wahrhaftig seine Augen nicht vor der Tatsache, dass an alle unterschiedslos die Gefahr herantritt, in Schuld und Sünde zu fallen, dass auch die Besten in Irrtum verfallen können und nicht immer auf den Höhen der reinen Sittlichkeit sich bewegen; mit aller Energie sucht es zu verhüten, dass jemand in öder Selbstgerechtigkeit sich im Bewusstsein seiner Guttat sonne, und längst, ehe das Christentum in der Welt war, hat das Judentum seine Bekenner gelehrt, dass die Folgen der Sünde nur getilgt werden können von dem erbarmenden Gott. Was aber das Judentum ablehnt, das ist, dass es der Mittelpunkt aller Religion sein muss, sich unter der Herrschaft der Sünde zu fühlen und am Menschen und seiner  Kraft zu verzweifeln. Die Propheten mochten noch so pessimistisch über ihre Zeitgenossen urteilen, nie steigert sich ihr Pessimismus bis zu dem Grade, dass sie am Menschen im ganzen zu verzweifeln begännen. Das Christentum richtet seine Erziehung zur Frömmigkeit darauf, dass der Mensch sich in einer durch seine Kraft unsühnbaren Schuld empfinde, um dann dem in trostlose Verzweiflung Verfallenen die rettende Lehre von Christus, vom Erlöser und dem allerbarmenden Gotte zu predigen. Das Judentum aber gibt sich mit voller Absicht und mit Nachdruck als die frohe Botschaft von der fröhlichen Kraft des Menschen, die ihm als Geschenk Gottes gegeben wird, in der seine Gottesebenbildlichkeit besteht, und es sagt, dass diese Botschaft mit gleichem Recht und derselben religiösen Wichtigkeit neben der von dem ErbarmenGottes steht. So ist die jüdische und christliche Frömmigkeit in der Seelenstimmung, auf die sie zurückgehen, grundverschieden in allen Schattierungen des Bekenntnisses zum Judentum und Christentum. 
Bei der Bedeutung, die die Sünde im christlichen Bewusstsein einnimmt, wird ihm die Anerkennung der Notwendigkeit einer Erlösung zum Gipfelpunkt, zum höchsten Ausdruck des Sittlichen. Im jüdischen Bewusstsein rückt die sittliche Aufwärtsentwicklung durch eigene Tat energischer in den Vordergrund und gilt als höchster Zielpunkt. Dass kein Missverständnis aufkomme: selbstredend will auch das Christentum den Menschen zur sittlichen Aufwärtsentwicklung erziehen, aber diesem Erziehungswerk tritt doch von vornherein störend in den Weg, dass die Natur des Menschen über die ihm angeborene Beschaffenheit nicht hinauskann. Bei allem erhabenen Ernst, mit dem das Christentum seine sittlichen Forderungen an seine Bekenner stellt, wirkt es doch eben hemmend, dass im gleichen Atemzuge, in dem die sittliche Forderung an die Menschen erhoben wird, ihnen die moralische Kraft abgesprochen wird. Weil das Christentum an der sittlichen Kraft des Menschen verzweifelt, gipfelt es nicht in der Forderung an den Menschen, an seiner Selbstvervollkommnung zu arbeiten, sondern in dem Bemühen, den Druck der Sünde von der Seele zu nehmen. Höher als die Arbeit an sich selbst steht ihm die Glücksempfindung der Erlösung von der Sündenqual. Dieser Erlösung sich anheimzustellen, ist ihm Ausdruck höchster Sittlichkeit.  Der Unterschied zwischen Judentum und Christentum in der Auffassung über die eigene sittliche Kraft des Menschen findet lebendigen Ausdruck in der verschiedengearteten Stellung zur Welt und zur Kultur. Die Folge der christlichen Anschauung ist eine Stimmung der Weltflucht, zum mindesten der Gleichgültigkeit gegenüber der Welt; die Folge der jüdischen Anschauung ist das Bestreben, durch freudige Bejahung der Welt die sittliche Kraft des Menschengeschlechts zu steigern.
Dem christlichen Bewusstsein wird die Welt zum Tummelplatz der Sünde; ihm tragen alle irdischen Dinge den Keim der Sünde in sich und bedeuten eine ständige Versuchung und Gefahr für den Menschen, denn sie lenken nur den Sinn ab von dem  Wichtigeren, dem Jenseits. Alle Kulturarbeit ist dann,  vom religiösen Gesichtspunkt aus betrachtet, ein Gleichgültiges, denn jedes neue Geschlecht steht doch ebenso  wie das erste unter der Macht der Sünde. Es führt nach dieser Auffassung nur zur Selbsttäuschung, wenn man durch eine bessere Ordnung der menschlichen Lebensverhältnisse einen sittlichen Fortschritt zu erzielen vermeint, wenn man glaubt, dass eine gerechtere Ordnung der Gesellschaft in der gegenwärtigen und künftigen Generation ein tieferes Verständnis für Gerechtigkeit und alle anderen sittlichen Forderungen vorbereiten könnte; man hat höchstens der augenblicklichen Rechtsforderung Genüge getan und den Gedrückten ein äußeres Glück verschafft, aber für die sittliche Aufwärtsentwicklung der Menschheit ist damit noch nichts Wesentliches erzielt, denn aller Ernst in der sozialen Arbeit kann die Tatsache ja nicht aus der Welt schaffen, dass der trübe Zustand der befleckten Seele in jeder Generation sich erneut. „Der tiefer fühlende Mensch“, sagt Harnack in seinem „Wesen des Christentums“, „nimmt dankbar entgegen, was ihm die fortschreitende Entwicklung der Dinge bringt, aber er weiß auch, dass seine innere Situation nicht wesentlich, ja kaum unwesentlich durch das alles geändert wird.“
Alle Kultur wächst hervor aus der sinnlichen Seite des menschlichen Wesens – sinnlich im weitesten Sinne des Wortes genommen – sie aber gerade, sagt das Christentum, ist der Quell der Sünde, das Ideal der Frömmigkeit aber wäre die Seelenstimmung, in der alle Dinge der Welt als etwas unsagbar  Gleichgültiges und Unwichtiges erscheinen. Das Judentum hingegen bekennt, dass die sinnliche Seite genau so gut wie die geistige Kraft dem Menschen von Gott zur Erfüllung seiner Bestimmung gegeben worden ist. „Keine Anlage des Menschen ist an und für sich gut oder böse, sie wird erst gut oder böse durch den Gebrauch, den der Mensch von ihr macht. Jeder Kraft des Körpers und der Seele muss das ihr gebührende Maß zugestanden werden, die gleichmäßige Ausbildung aller Kräfte, die Harmonie des ganzen Menschen ist das Ziel, zu dem das Judentum den Menschen hinlenken will“
Die sinnliche Seite soll, so verlangt es das Judentum, in den Dienst der sittlichen Aufgabe gestellt werden. Und darum steht das Judentum dem Leben, der Welt und der Kultur in freudiger Bejahung gegenüber. Es sieht in ihnen nicht etwas, das von Gott abzieht, sondern was, recht verstanden, zu Gott hinführt, und alle Arbeit an dem Fortschritt der Kultur wird dem Juden nicht zu einem religiös gleichgültigen Tun, sondern zur Erfüllung der von der Religion gesetzten Aufgabe, zu einem auch für die sittliche Anlage des Menschen und der künftigen Geschlechter wertvollen Streben.
Das Judentum kennt infolgedessen keinen seelischen Zwiespalt zwischen moderner Kulturarbeit und Religion. Ihm ist die Kulturarbeit des Menschen, die herauswächst aus dem Willen zur Lebenserhaltung, dem nationalen Empfinden, der künstlerischen Betätigung und der Freude an einer besseren Ordnung der menschlichen Ständeschichtung nicht wie dem Christentum etwas, das vom Gesichtspunkt der Religion ohne Belang wäre oder höchstens am äußersten Ende des Religiösen läge. Nein, das Judentum stellt gerade da entschieden die Forderung, dass die Religion das ganze Lehen durchdringe, dass eine Einheitlichkeit der Stimmung und des Strebens durch den Menschen gehe.
Das Judentum anerkennt freudig den Wert, den alles echte Kulturstreben für die Schärfung des Verantwortlichkeitsgefühls und darum für die Vertiefung aller Sittlichkeit hat.  Wenn seit der Reformation auch im Christentum Religion und Welt sich einander genähert haben, geschah es nicht, weil die religiöse Stellungnahme eine andere geworden wäre,  sondern weil Welt, Leben, Wissenschaft sich mit innerer Notwendigkeit ihr Recht im Denken der Menschen erobert haben. Vom religiösen Standpunkt hat auch heute der Protestantismus die Überzeugung, dass alles Weltliche der Quell der Sünde sei. Es muss mancherlei Deutungskunst aufgeboten, werden, um für den frommen Christen die Sätze des Evangeliums, die absprechend über das Streben nach Besitz urteilen, mit diesem natürlichen, jedem Menschen innewohnenden Streben in Einklang zu bringen. Das Judentum kennt hier weder einen Zwiespalt zwischen dem tatsächlichen Volksleben und der Forderung der religiösen Glaubensurkunde, noch einen seelischen Zwiespalt im Bewusstsein  des Einzelnen.  Es machen sich allerdings im heutigen Christentum auch Strömungen geltend, die über die oben geschilderten christlichen Anschauungen hinauszugehen suchen. Christliche Neuerer beginnen einzusehen, dass es nicht mehr angehe, alle Frömmigkeit des Menschen auf das Bewusstsein der Sünde, zu stellen. So sagt z. B. mit Bezug darauf Bousset (in seinem Buche: Das Wesen der Religion): „Jene Anschauung aufrecht erhalten, heißt dem modernen Leben seine Existenz nehmen.“ Aber auch diese Neuerer greifen doch immer Wieder zurück auf den Gedanken, dass die menschliche Schwäche nach dem Erlöser verlange. So sagt z. B.  eben derselbe Bousset: „Tief empfinden wir … den Mangel all unseren Tuns, den ewigen Widerspruch zwischen Können und Sollen, das ewige Zurückbleiben hinter der Forderung Gottes. Gerade dem modernen Menschen, der erst recht in die Größe seines Gottes  hat hineinschauen lernen, wird die Seite des Evangeliums welche das Wort Erlösung Umfasst, besonders zugänglich sein. Er wird von vornherein geneigt sein, sich seinem Gott gegenüber in zwerghafter Kleinheit und Nichtigkeit, besonders auch in seiner ethischen Nichtigkeit zu empfinden.“  Es wird also der aus der Begrenztheit des Menschen fließende Widerspruch zwischen Können und Wollen gewaltsam in den Begriff der Sünde umgebogen, um nur die Notwendigkeit der Erlösung und des Erlösers auch für den freigerichteten Christen zu begründen.  Wie sich dieser linkeste Flügel des Protestantismus  mit dem Vorwurf abfindet, dass er mit seiner Stellungnahme das geschichtliche Christentum auflöse, ist nicht unsere Sache.
Dem Juden aber muss auch schon dieser leise Anfang einer neuen Erkenntnis zu denken geben.  Ist sie doch die Rechtfertigung der Standhaftigkeit, mit  der die Juden durch Jahrhunderte ihre Idee von der  eigenen sittlichen Kraft des Menschen der christlichen Idee von der Sündhaftigkeit des Menschen gegenüber festgehalten haben, und sie muss, da sie eine Rückkehr  zu jüdischen Gedanken bedeutet, aufs neue im Juden  die Überzeugung von der sieghaften Kraft seiner Religion festigen.  So sehen wir in der Auffassung vom Wesen des  Menschen, Judentum und Christentum auseinandergehen.
Die ersten Folgen dieser Verschiedenheit der Grundlehre haben wir gezeichnet. Aus ihr ergibt sich nun ferner eine Verschiedenheit in der Auffassung von  der Bedeutung der Gnade im Leben des Menschen und in den Gedanken über Versöhnung und Erlösung. Davon sollen die beiden folgenden Kapitel berichten.
  
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Anastasia Israel
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