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Beitrag  Admin am 12/6/2012, 18:44

Grauschleier und Faschismus: 
Judenschicksale unter Mussolini

Von Ralf Bachman

Obwohl bis heute dann und wann Meldungen über antisemitische Äußerungen und Handlungen aus Italien zu uns dringen, liegt über der Rassenpolitik unter Mussolini ein eigenartiger Grauschleier. Brutale Judenverfolgung gehörte spätestens seit 1938 zum Alltag im faschistischen Italien. Und doch unterschied sich die Lage der italienischen Juden erheblich von der der deutschen.

Darüber sprach Regine Wagenknecht, Autorin der kommentierten Anthologie »Judenverfolgung in Italien 1938-1945«, in einer lehrreichen und unterhaltsamen Veranstaltung des JKV, die ganz zu Unrecht wenig Aufmerksamkeit fand.

»Es gab viele hilfsbereite italienische Menschen«, sagte sie, »die unter Gefährdung ihres eigenen Lebens Juden halfen..., sogar unter den Beamten, die Befehle und Verordnungen nur lässig ausführten. Ihnen allen haben mehr als 29.000 Juden ihr Leben zu verdanken.« Diese Tatsache hat jedoch auch bewirkt, dass die breite Öffentlichkeit über Jahrzehnte zu Unrecht nur die Erinnerung an den »guten Italiener« pflegte, während das Leid, die Verfolgung und Ermordung der Juden weitgehend verdrängt und verschwiegen wurden.

»Nachdenken über das Geschehene« bezeichnet aber Primo Levi in seinen Erinnerungen an Auschwitz als »die Pflicht eines jeden«. Regine Wagenknecht hat es in ihrem kürzlich im Parthas-Verlag Berlin erschienenen Buch in sorgfältiger Arbeit unternommen, die verschiedenen Etappen der judenfeindlichen Politik Mussolinis anhand von literarischen und dokumentarischen Selbstzeugnissen Überlebender, teilweise erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht, detailliert zu beleuchten.

Sie las aus mehreren Kapiteln, die dem geschichtlichen Ablauf folgend, mit Ausgrenzung, Internierung, Flucht, Deportation und Danach überschrieben sind. Im Buch ist jedem Abschnitt eine kommentierende Einführung vorangestellt, was dem Leser beim Facettenreichtum der individuellen Schicksale die Einordnung erleichtert. Ob die deshalb erfolgte Zertrennung einiger längere Zeiträume überspannender Texte vor allem bei den Romanpassagen nicht auf Kosten der emotionalen Wirkung geschah, ist eine andere Frage.

In ihrem Text wie in der lebhaften Diskussion, die sich der Lesung anschloss, ließ die Autorin dankenswerterweise bei allem Bemühen um historische Korrektheit genügend Raum auch für die Tragik des Einzelfalls, für bewegende Details. Man legt das Buch mit einer Mischung von Trauer und Optimismus aus der Hand: Den Tränen über das Leid steht die Hoffnung gegenüber, die aus der Fülle guter Taten der Mitmenschen gespeist wird.

Mehrere Fragen und Antworten bezogen sich gerade angesichts der jüngsten Neonaziskandale in Sachsen, Berlin und Brandenburg auf Texte im Schlussteil. Die zum Teil vor vielen Jahren ausgesprochenen Warnungen und Appelle der Überlebenden wegen der Gleichgültigkeit vieler Zeitgenossen, wegen der zunehmenden Zahl von Schoah-Leugnern in Italien, wegen der Koalition Berlusconis mit der von Exfaschisten gegründeten MSI (heute Alianza Nazionale) haben wieder beklemmende Aktualität gewonnen. Er fühle seit einiger Zeit erneut »den Schauder vergangener Tage« schreibt Aldo Zargani 1995 in seinen Erinnerungen. Es scheine fast, »als bestehe die Zivilisation aus einer dünnen Folie, unter der die barbarischen Schichten der Vergangenheit weiter Druck ausüben«.

Lange zuvor hatte Primo Levi (1919-1987) sich und anderen die Frage beantwortet, was zu geschehen hat, wenn der Faschismus, vielleicht auf leisen Sohlen und unter anderem Namen, wiederkehrt: »Dann helfen weise Ratschläge nichts mehr und es gilt, die Kraft zum Widerstand zu finden: Auch dabei kann die Erinnerung an das, was vor gar nicht so langer Zeit im Herzen Europas geschah, Halt und Ermahnung bieten.«


Historische Hintergrund-Information: Judenverfolgung in Italien
 
Noch im Frühjahr 1938 erklärte das faschistische Italien, trotz des deutsch-italienischen Bündnisses keine antisemitische Politik betreiben zu wollen. Dennoch wurden im Oktober des gleichen Jahres antijüdische Rassegesetze eingeführt, die z.B. ein Berufsverbot für Juden in staatlichen Ämtern beinhalteten. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kam es in italienisch besetzten Gebieten nicht zu Juden-Deportationen.

Als am 10. Juli 1943 den Alliierten die Invasion Siziliens gelang, waren die innenpolitischen Folgen desaströs für den „Duce“ Benito Mussolini: Mit einfachem Mehrheitsbeschluss wurde er am 25. Juli durch den Faschistischen Großrat als abgesetzt erklärt und dann auf Befehl König Viktor Emanuels III. verhaftet. Nachfolger Mussolinis wurde Marschall Pietro Badoglio, der im September mit den Amerikanern einen Waffenstillstand aushandelte. Italien hatte damit faktisch die Seiten gewechselt.

Die deutsche Regierung beschloss daraufhin den „Fall Achse“, der die Besetzung Italiens vorsah. Am 12. September wurde Mussolini durch deutsche Fallschirmjäger vom Gran Sasso in den Abruzzen befreit und nach Ostpreußen gebracht, um wenig später in Norditalien ein Marionettenregime zu installieren, die Republik von Salò (Repubblica Sociale Italiana).
Mit Einrichtung dieses faschistischen Staates unter dem Protektorat des Deutschen Reiches begann sowohl die Deportation italienischer Juden als auch Juden aus vormals unter italienischer Kontrolle stehender Gebiete.

Die Deutschen stießen dabei allerdings auf eine unerwartet mangelhafte Kooperationsbereitschaft sowohl der nicht-jüdischen italienischen Bevölkerung als auch faschistischer Funktionäre, sodass sich die SS veranlasst sah, ein Kopfgeld auf jüdische Männer, Frauen und Kinder auszusetzen. Ausdrücklich befürwortet wurde die deutsche Politik auf dem Parteikongress von Mussolinis neu geschaffener Republikanischer Faschistischer Partei (Partito Fascista Repubblicano) in Verona im November 1943, die alle Juden Italiens als Angehörige einer feindlichen Nationalität definiert hatte. Hauptfunktionär der Judenverfolgung wurde Giovanni Preziosi, der das Rassen- und Bevölkerungsamt der Republik von Salò leitete. In fast allen Provinzen wurden Sammellager errichtet, in denen die verhafteten Juden interniert wurden. In der Nähe von Modena entstand das Durchgangslager Fossoli di Carpi, von dem aus im Februar 1944 der erste Judentransport nach Bergen-Belsen durchgeführt wurde. Bis Kriegsende wurden etwa 8000 Juden aus Italien deportiert.
Jahrzehntelang wurde die Verfolgung der Juden im faschistischen Italien vornehmlich vor dem Hintergrund der Judenpolitik des nationalsozialistischen Deutschland wahrgenommen. Die Vorstellung, in Italien habe es keine der deutschen auch nur annähernd vergleichbare Verfolgung der jüdischen Bevölkerung gegeben, spiegelte sich nicht nur im öffentlichen Diskurs wider, sondern bestimmte in erheblichem Maße auch die nationale und internationale Geschichtsschreibung. Noch 1987 erklärte der einflussreiche italienische Historiker Renzo De Felice, der italienische Faschismus habe "außerhalb des Schattens des Holocaust" gestanden. [1] Erst seit den letzten zwei Jahrzehnten zeichnet sich angesichts der Erschließung vorher unzugänglicher oder vernachlässigter Quellen durch eine jüngere Historikergeneration eine neue Perspektive ab, die die Spezifika des italienischen Antisemitismus und seiner Verfolgungsmaßnahmen betont, ohne ihn als bloße Nachahmung des deutschen "Modells" zu verstehen.
Linda Thomas richtet in der vorliegenden Studie den Blick auf die Jahre 1943/44, in denen die Juden in Italien nicht mehr "nur" rechtlich diskriminiert wurden, sondern nach dem Sturz Mussolinis zunehmend auch um ihr Leben fürchten mussten. Ziel ihrer Arbeit ist die Rekonstruktion und der Vergleich der Razzien in zwei wichtigen jüdischen Zentren des Landes, dem großen Getto von Rom und dem kleineren, aber nicht weniger bedeutsamen Getto von Venedig. Die Untersuchung stützt sich vornehmlich auf eine Auswahl der einschlägigen italienischen und englischsprachigen Sekundärliteratur, die durch Berichte von Überlebenden wie Primo Levi und Giacomo Debenedetti ergänzt wird. Den deutschen Lesern werden so hierzulande weitgehend unbekannte italienische Texte erschlossen, auch wenn im Hinblick auf eine differenziertere Behandlung des Themas die Einbeziehung archivalischer Quellen wünschenswert gewesen wäre. Unverständlich bleibt außerdem, warum sich die erst in den letzten Jahren erschienenen, bahnbrechenden Studien Enzo Collottis zur Judenverfolgung im faschistischen Italien nicht in der zitierten Sekundärliteratur wiederfinden.
Die gut strukturierte Arbeit gibt einleitend einen kurzen historischen Abriss der Ereignisse seit der italienischen Rassengesetzgebung 1938 bis zum Ende des Jahres 1943, dem Zeitpunkt der beiden Razzien. Im zweiten Kapitel wendet sich die Autorin dem römischen Getto zu. Nach einer Skizze seiner Entstehungsgeschichte werden im Hauptteil die drei Phasen der Razzia vom Herbst 1943 rekonstruiert. Der Autorin gelingt es, die Brutalität, mit der Männer, Frauen und Kinder im Schlaf überrascht wurden, die stundenlangen Wartezeiten vor der endgültigen Deportation und die Plünderung von Wohnungen und Gemeindeeinrichtungen eindringlich zu schildern. In der Analyse der Reaktionen auf die Razzia diskutiert Thomas vor allem das Schweigen von Papst Pius XII., kann hier aber aufgrund fehlender eigener Quellenrecherchen lediglich auf die konkurrierenden Standpunkte der Forschung hinweisen. Überzeugend ist dennoch ihre Schlussfolgerung, dass der Vatikan durch sein Verhalten den Deutschen keinen Anlass gab, von ihrem Kurs abzuweichen. In der knappen Beschreibung der Reaktionen der nicht jüdischen Bevölkerung Roms weist die Verfasserin zwar auf den mangelnden Protest bei der Festnahme und dem Abtransport der römischen Juden hin, lässt dabei jedoch die neuerdings nachgewiesenen zahlreichen Fälle von Kollaboration und Denunziationen seitens nicht jüdischer Italiener außer Acht. [2] Auch bleiben die Zusammenarbeit zwischen deutschen und italienischen Behörden sowie die Zuständigkeiten und teils konkurrierenden Kompetenzen im Dunkeln; nur in einem Nebensatz deutet Linda Thomas an, dass SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker bei der Aktion "Hilfe von der faschistischen Polizei Italiens" erhielt (57).
Insgesamt kritischer und differenzierter verfährt die Autorin im dritten Kapitel, das sich der Geschichte des Gettos von Venedig und den drei Razzien zuwendet, die dort zwischen Dezember 1943 und Oktober 1944 stattfanden. Mit der Deportation der venezianischen Juden begann, so Linda Thomas, die "zweite Phase des italienischen Holocaust" (97), in der die Verhaftung der Juden durch die Einsatzkräfte der Repubblica Sociale Italiana (RSI) unabhängig vom deutschen Bündnispartner geplant und durchgeführt wurde. Zwar habe der Einfluss der deutschen Regierung immer weiter zugenommen, doch sei der Großteil der jüdischen Opfer nach November 1943 im Rahmen der Gesetzgebung der RSI inhaftiert worden. Wie bereits bei der Schilderung der Razzia im römischen Getto besteht die Stärke der Rekonstruktion der Razzien im Getto von Venedig in der Darstellung der Festnahmen, in der Schilderung von Einzelschicksalen wie dem des Oberrabbiners Adolfo Ottolenghi sowie in der Beschreibung der gerade in Venedig besonders grausamen Suche nach jüdischen Patienten in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten. Die Kollaboration zwischen Deutschen und Italienern wird unter anderem anhand des gemeinsamen Eingreifens von SS und Brigate Nere in der dritten Razzia Anfang Oktober 1944 nachgewiesen.
Im Mittelpunkt des vierten und letzten Kapitels steht der Vergleich der Razzien in Rom und Venedig. Die Autorin betont unter anderem, dass die Aktion in Rom seitens der Deutschen minutiös geplant wurde, die Italiener in Venedig dagegen weitaus chaotischer, aufgrund der besseren Orts- und Namenskenntnis letztlich aber nahezu ebenso "effektiv" vorgingen. Ein entscheidender Unterschied zwischen den Razzien in Rom und in Venedig bestand darin, dass Letztere nicht die Deportation in Vernichtungslager bezweckte, sondern zunächst auf Internierung angelegt war. Linda Thomas arbeitet überzeugend heraus, dass die italienische Polizei dennoch den Deutschen in entscheidendem Maße die zukünftigen Deportationen erleichterte, indem sie nicht nur die Juden Venedigs in Konzentrationslager verbrachte: "Von dort war es später für die Deutschen relativ leicht, Züge in Richtung Auschwitz, Ravensbrück oder andere Todeslager zu leiten." (102)
Trotz der Defizite in der Literatur- und Quellenrecherche, die sich auch in den unvollständigen Informationen des Personenregisters bemerkbar machen, leistet Linda Thomas' Studie einen insgesamt relevanten Beitrag zur Geschichte der Judenverfolgung in Italien, der sich nicht ausschließlich auf die nationalsozialistische Vernichtungskampagne beschränkt, sondern vor allem im zweiten Teil auch die bis heute zuweilen noch verschleierten oder unterschätzten Mitverantwortlichkeiten des faschistischen Italien thematisiert.
Anmerkungen:
[1] Interview von Giuliano Ferrara mit Renzo De Felice in: Jader Jacobelli (Hg.): Il fascismo e gli storici oggi, Roma/Bari 1988, 3-6.
[2] Vgl. Amedeo Osti Guerrazzi: Kain in Rom. Judenverfolgung und Kollaboration unter deutscher Besatzung 1943/44, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 54 (2006), 231-268.
Ruth Nattermann
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Albanien

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 18:48


von Lars Haefner

Rettung für Juden

Albanien ist das einzige von Deutschen besetzte Land, in dem nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Juden lebten als vor dessen Beginn
Weltgeschichte wurde nicht geschrieben - aber einzigartig ist der albanische Fall allemal. Und für die mehrere Hundert Juden, die sich während des Krieges in Albanien aufhielten, die glückliche Rettung. Neben den wenigen Juden, die bereits ansässig waren, kamen noch viele auf den verschiedensten Wegen nach Albanien. Zum besseren Verständnis finden Sie im nächsten Abschnitt eine kurze Übersicht über die schnell ändernden Machtverhältnisse in Albanien zur Zeit des Zweiten Weltkrieges.
Besetztes Albanien - Krieg auf dem Balkan
Am 7. April 1939 landeten italienische Truppen in Durrës und bereiteten der Unabhängigkeit Albaniens ein Ende. Nur Tage später war Albanien schon in einer Persunalunion mit dem italienischen Königreich verbunden. Im Herbst 1940 griffen die Italiener von Albanien aus Griechenland an. Nach Niederlagen der Italiener kamen die Deutschen zu Hilfe und besetzten im Frühjahr 1942 die Nachbarländer Jugoslawien und Griechenland. Die Faschisten vereinigten die albanischen Siedlungsgebiete (Albanien, Kosova, Teile Mazedoniens und Montenegros) und schufen ein Grossalbanien. Nach der Kapitulation Italiens im Herbst 1943 besetzte die deutsche Wehrmacht Albanien. Ihnen standen aber nur wenige Truppen zur Verfügung, so dass eine nicht-repressive Lösung gefunden werden musste. Die Albaner durften deshalb wieder ihre Unabhängigkeit ausrufen, setzten die alte Verfassung in Kraft und bildeten eine Marionetten-Regierung unter der Führung des Kosovaren Mitrovica. Im Herbst 1944 erhielten die Deutschen den Befehl zum Rückzug. Darauf folgte die Machtübernahme durch die (kommunistischen) Partisanen.
Juden aus ganz Europa
So vielseitig wie die Gründe, die zur Rettung der Juden beitrugen, so verschieden war ihre Herkunft. Amtliche Statistiken zählten 1937 120 Juden in Albanien. Die meisten von ihnen lebten in Vlorë und Delvinë (Südalbanien). Sehr enge Beziehungen bestanden zu den Juden in Ioannina in Nordgriechenland (vor dem Krieg: 1950 Juden; am 24. März 1944 wurden 1860 nach Auschwitz gebracht; 1948: noch 170 Juden).
Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Europas hatten die albanischen Juden nur wenigen rassistischen Hass ertragen müssen. Aufgrund ihrer geringen Zahl und der Vielfalt an anderen Religionen wurden Juden in Albanien kaum verfolgt oder benachteiligt. Die Verfassungen von 1928 und 1939 gewährten Religionsfreiheit.
Seit der Machtübernahme Hitlers reisten immer wieder Juden aus Deutschland und Österreich, später auch aus anderen besetzten Gebieten nach Albanien. Es war sehr einfach für sie, albanische Visa zu erhalten. Mehrere Hundert von ihnen strandeten in Albanien (zum Teil illegal, zum Teil mit Aufenthaltsgenehmigung), weil kein anderes Land sie einreisen liess. Weiteren gelang es, illegal aus Italien oder Jugoslawien nach Albanien einzureisen. Sogar nach der italienischen Besetzung 1939 wurde noch Visa an Juden ausgestellt - ordnungswidrig und oft gegen Bestechung. Obwohl wohl kaum ein Jude die Absicht gehabt hatte, länger in Albanien zu bleiben, konnten sie sich nicht gross beklagen, waren sie doch keinen Restriktionen oder Verfolgung ausgesetzt. Die italienischen Besatzer setzten die Deutschen Wünsche nach Judenverfolgung nur sehr halbherzig um. In Albanien mussten die Juden trotz einiger antisemitischer Anordnungen ihre Identität nicht verbergen und konnten sogar ihre Feste feiern. Harvey Sarner erzählt in seinem Buch »Rescue in Albania« sogar von italienischen Soldaten, die die Flucht von Juden aus jugoslawischen Lagern unterstützten, und einem italienischen Kommandanten, der kurz zuvor festgenommene Juden vor der Übergabe an die Deutschen wieder freiliess. In Kosova hingegen waren auch Deutsche, die von den italienischen Soldaten Juden (teilweise geflohen aus Serbien oder Kroatien) »verlangten«. Einige wurden von einem albanischen Arzt gerettet, viele wurden nach Albanien gebracht und dort teilweise in Lagern, über die nur sehr wenig bekannt ist, inhaftiert. Die in Kosova verbliebenen Juden waren aber in grosser Gefahr. Gemäss Sarner wurden Juden in Kosova getötet und 400 Juden aus Kosova nach Bergen-Belsen deportiert (nur 100 von ihnen überlebten).
Deutsche Besatzung
Nachdem die Deutschen Albanien besetzten, verlangten sie Ende 1943 von der albanischen Regierung eine Liste der Juden. Dies war allgemein der erste Schritt für eine Deportation. Innenminister Xhafër Deva widersetzte sich dieser Anordnung. Seine Beweggründe sind nicht klar. Gemäss Sarner kam er damit einem Antrag von jüdischen Albanern nach. Den Nazis gegenüber bezeichnete er es als unzulässige Einmischung in nationale Angelegenheiten.
Gefahr drohte aber auch von der Gestapo und der Wehrmacht. In Vlora wurde auch ohne albanische Hilfe eine Liste der Juden erstellt. Zu einer Deportation kam es aber in der Hektik des Rückzuges nicht mehr. Die ausländischen Juden mussten sich bei Albanern verstecken. Sarner, der ausführlich über die Rettung der Juden in Albanien forschte, erzählt in seinem Buch verschiedene Geschichten, wie Albaner aller Religionen Juden bei sich aufnahmen, immer wieder neue Verstecke gefunden werden mussten und deutsche Soldaten die Häuser durchsuchten. Die Albaner haben ihr Leben riskiert, aber es ist kein Fall bekannt, dass ein Albaner eine Gegenleistung angenommen hätte. So überlebten sämtliche Juden in Albanien den Krieg (nur eine Familie wurde getötet, aber als Angehörige von Partisanen).
Sarner berichtet von Sulo Mecaj, einem Bauern aus Krujë, der zehn Juden in seinem Haus aufnahm. Eine Nachricht warnte sie vor einer bevorstehenden Hausdurchsuchung - aber ein Jude hatte Angst, die Deutschen könnten das Haus in Feuer setzen und sie würden in ihrem Versteck im Dach verbrennen. Mecaj schickte darauf auch seinen einzigen Sohn ins Versteck, damit er das Schicksal der Juden Teile. »Ehrensache», sagte der Sohn 50 Jahre später zu Sarner.
Das Haus gehört Gott und dem Gast
Das Verhalten der Albaner ist wohl mit der oben erwähnten »Ehre« zu erklären. Die Ehre ist wichtigster Bestandteil des traditionellen albanischen Sozialverhaltens. Am meisten Ehre gebührt dabei dem Gast. Diese Regel des Kanun - »Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast« - und albanischer Tradition rettete Hunderte oder Tausende von Menschen (neben Juden auch italienische Desserteure und albanische Freiheitskämpfer). Ein weiterer Grund für die Rettung in Albanien liegt wohl darin, dass Juden in Albanien als Menschen galten, die man vor Verfolgung schützen musste. In Albanien waren die Juden - wohl aufgrund ihrer geringen Zahl und der notwendigen Toleranz gegenüber anderen Religionen - nie verfolgt worden. Mit wenig menschlicher Würde und Zivilcourage konnten viele Menschen gerettet werden. Eine Geschichte, die mich immer wieder an die Situation der letzten Monate in Albanien erinnert.
Nach dem Ende des Krieges verliess etwa die Hälfte der Juden Albanien - zurück in die Heimat oder nach Hause. Die Kommunisten lehnten weitere Anträge auf Ausreise ab. 1991 emigrierten rund 300 Juden, Angehörige und Nachfahren aus Albanien nach Israel. Nur wenige, die in nicht-jüdische Familien geheiratet hatten und ihre Heimat nicht verlassen wollten, blieben in Albanien.

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Schweizerische Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 18:50

Schweizer Geschichte

Schweizerische Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg
 
Die Schweiz hat eine lange Tradition, Flüchtlinge aufzunehmen. Erinnert sei hier nur an die Hugenotten, an Liberale, Sozialisten und Anarchisten aus Westeuropa im 19. Jahrhundert und russische Kommunisten (u.a. Lenin) vor der Oktoberrevolution 1917. Bis dahin handelte es sich aber immer um Einzelpersonen oder kleinere Gruppen. Im Fall der Hugenotten bestanden zudem enge Beziehungen zur Führungsschicht derjenigen Kantone, die sie aufnahmen.
Der Nationalsozialismus als Ursache des Flüchtlingsproblems
Nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland flohen bis zum Herbst 1933 rund 2000 Flüchtlinge (vorwiegend Juden und Intellektuelle) aus Deutschland in die Schweiz, Ende 1938 waren es bereits 10'000. Bis zum Waffenstillstand am 8. Mai 1945 stieg die Zahl der Flüchtlinge auf 115'000, wovon rund 50'000-60'000 internierte Soldaten, die von den feindlichen Truppen an die Grenze abgedrängt worden waren (anfänglich polnische und französische, gegen Kriegsende deutsche und österreichische). Insgesamt beherbergte die Schweiz 295'381 Flüchtlinge (wovon 103'689 Internierte, 55'018 erwachsene, darunter viele jüdische Zivilflüchtlinge, 59'785 Kinder in befristeten Erholungsaufenthalten und 66'549 so genannte Grenzflüchtlinge, die sich nur kurz in der Schweiz aufhielten). (Chronik, S. 544, vgl. übereinstimmend Unabhängige Expertenkommission (UEK), Schlussbericht, S. 118f)

Die gescheiterte Flüchtlingskonferenz von Evian
An einer internationalen Flüchtlingskonferenz in Evian (auf der französischen Seite des Genfersees) stand 1938 "nicht das Schicksal der Verfolgten, sondern die Gefährdung der potentiellen Aufnahmeländer durch die Massenvertreibung im Vordergrund" (UEK, Schlussbericht, S. 54), sie verlief ohne konkretes Ergebnis. ("Chronik der Schweiz", S. 532) "Statt dessen schränkten zahlreiche Staaten die Zulassung [von Flüchtlingen] weiter ein." (UEK, Schlussbericht, S. 110)
Rückblickend kann man festhalten, dass damals die internationale Staatengemeinschaft und insbesondere die USA es verpasst haben, sich ernsthaft für die Flüchtlinge einzusetzen und z.B. als Zweitaufnahmeländer die Schweiz zu entlasten - ganz abgesehen davon, dass nur ein aussereuropäisches Land (USA!) wirksamen Schutz vor dem Zugriff des skrupellos gewalttätigen Nazi-Regimes hätte bieten können. Die Schweiz war - gemessen an der Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge pro Einwohner - durchaus in der Spitzengruppe anzutreffen, nur genügte das angesichts der ungeheuerlichen Barbarei des Nazi-Regimes eben nicht.

Die Verantwortlichen in der Schweiz
Die Flüchtlingspolitik der Schweiz vor und während des 2. Weltkriegs wurde massgeblich geprägt von Heinrich Rothmund (Chef der Polizeiabteilung des EJPD = Fremdenpolizei, 1919 - 1955 im Amt, altershalber zurückgetreten) und seinem Vorgesetzten Bundesrat Eduard Steiger (BGB, Vorgängerpartei der SVP).
Das EJPD [Eidgenössische Justiz- und Polizei - Departement] hatte erstens "seit dem Ersten Weltkrieg die ideologischen und rechtlichen Grundlagen der schweizerischen Bevölkerungspolitik ausgearbeitet und in der Zwischenkriegszeit eine antisemitsch geprägte Ausländerpolitik durchgesetzt. Für die theoretische Fundierung der Bevölkerungspolitik war allerdings weniger Heinrich Rothmund als vielmehr der damals renommierte, bislang aber wenig beachtete Jurist Max Ruth von zentraler Bedeutung. Zweitens trug das Departement nach Kriegsbeginn für den Vollzug der Flüchtlingspolitik die zentrale Veranwortung, weil es von 1938 bis 1942 zu einer Verlagerung der Kompetenzen von den Kantonen zu den Bundesbehörden kam. Mit seinen zahlreichen Weisungen und Kreisschreiben bestimmte das EJPD weitgehend die Praxis der Flüchtlingspolitik, und letztinstanzlich entschied die Polizeiabteilung - oftmals Heinrich Rothmund persönlich - über die Aufnahme und Wegweisung von ... Flüchtlingen. Es ist bekannt, dass im EJPD starke fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen herrschten und die Polizeiabteilung ihre Kräfte auf die Abwehr der Flüchtlinge konzentrierte." (UEK, Schlussbericht, S. 133) 

Massgeblich mit beteiligt war aber auch das Politische Departement (Aussenministerium) unter Bundesrat Giuseppe Motta (Katholische Konservative Partei KK = heute CVP).
Der so genannte "Judenstempel"
Seit 1937 verschärften die Nazis ihre antijüdischen Schikanen deutlich, nach dem Anschluss ans Deutsche Reich im März 1938 flohen über 100'000 Juden aus Österreich, rund 6'000 davon in die Schweiz. Im April 1938 verlangte die Schweiz von Deutschland Massnahmen, um die Flüchtlingsströme besser kontrollieren zu können. Die Verhandlungen zogen sich über den ganzen Sommer 1938 dahin. Die deutsche Seite schlug den "J"-Stempel vor. Rothmund erkannte zwar "den diskriminierenden und rechtlich fragwürdigen Charakter" der Massnahme und wollte stattdessen einen allgemeinen Visumszwang, weil er eine effiziente Kontrolle aller Deutschen wünschte. Doch Bundesrat Giuseppe Motta (KK = heutige CVP, Aussenminister) hielt dagegen fest: «Der Bundesrat heisst das Abkommen mit Deutschland einstimmig gut. ... Herr Rothmund kann sich seiner kleinen Skrupel, die ihn noch quälen, also geruht entledigen.» (UEK, Schlussbericht, S. 111) Durch eine Verordnung des deutschen Nazi-Regimes wurden am 5. Oktober 1938 die Reisepässe deutscher (und österreichischer) Juden für ungültig erklärt, eingezogen und mit einem roten "J"-Stempel (sogenannter Judenstempel) gekennzeichnet.
Darüber, wer diese unselige, diskriminierende Idee hatte, tobt noch immer ein heftiger Meinungsstreit, der auch im Internet ausgetragen wird. Dabei könnte man sich getrost auf wenige, wirklich wichtige Tatsachen beschränken: «Aus dem von Heinrich Rothmund verfassten Schlussbericht über die diesbezüglichen Verhandlungen vom 1. Oktober 1938 - dieses Dokument ist seit 1994 veröffentlicht - geht weiter hervor, welche Ziele die schweizerische Delegation damals anstrebte: "Wichtig war nur zu erreichen, dass sobald wie möglich der heutige Zustand aus der Welt geschafft werden kann, wo die schweizerischen Passkontrollorgane an der Grenze prüfen müssen, ob der Inhaber eines deutschen Passes Arier oder Nichtarier sei." ("Diplomatische Dokumente der Schweiz", Band 12, S. 935). 
Eine andere Stelle belegt ebenso deutlich die schweizerischen Bemühungen: "Es wurde deshalb der deutschen Delegation beantragt, nach einem Mittel zu suchen, um die bereits ausgegebenen Pässe der im Ausland, namentlich in Italien, sich aufhaltenden deutschen Nichtarier ebenfalls so rasch wie möglich mit dem genannten Kennzeichen zu versehen." ("Diplomatische Dokumente der Schweiz", Band 12, S. 935) Diese historischen Fakten belegen, dass die damalige Schweizer Regierung mit Bezug auf die Einführung des "J-Stempels" eine Mitverantwortung trifft, auch wenn die Bundesbehörden den Stempel nicht erfanden. Dafür hat sich am 8. Mai 1995 Bundespräsident Villiger im Namen des Bundesrates entschuldigt, im Wissen darum, dass solches Versagen letztlich unentschuldbar ist.» (Antwort des Bundesrates auf die parlamentarische Anfrage 98.3447 von Ständerat Maximilian Reimann vom 7. 10. 1998) Dieser amtlichen Klarstellung gibt es nichts hinzu zu fügen.

Unmenschliche Zurückweisungen an der Grenze
Trotz z.T. brutaler Durchsetzung der Abwehrmassnahmen gelangten mehrere Tausend österreichische Juden in die Schweiz. "Viele hatten dies dem St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger zu verdanken, der bis Anfang 1939 Hunderte von Personen entgegen den geltenden Bestimmungen einreisen liess. Im Frühling 1939 wurde er entlassen und Ende 1940 vom St. Galler Bezirksgericht wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verurteilt. Erst 1993, lange nach seinem Tod, wurde er, nachdem die St. Galler Kantonsregierung seit den sechziger Jahren mehrere Rehabilitierungsversuche abgewiesen hatte, politisch und 1995 vom St. Galler Bezirksgericht auch juristisch rehabilitiert" (UEK, Schlussbericht, S. 109) In diesem Fall bedeutet die Rehabilitierung nicht wie in gelegentlichen anderen Fällen die Korrektur eines unsorgfältig gefällten Fehlentscheides des Gerichtes (etwa aufgrund neuer Beweismittel), sondern eine Anerkennung der Tatsache, dass die damalige schweizerische Flüchtlingsgesetzgebung mit den Prinzipien eines Rechtsstaates nicht vereinbar war.
Im Januar 1942 ernannte der Bundesrat den Diplomaten Edouard de Haller zum "Delegierten des Bundesrates für internationale Hilfswerke". In dieser Koordinationsfunktion behinderte de Haller die Hilfswerke allerdings eher im Sinn der abweisenden offiziellen Flüchtlingspolitik. (UEK, Schlussbericht, S. 134f)
Ab Frühjahr 1942 wurden Juden von deutschen Spezialeinheiten zu Tausenden nach Osten deportiert, ab Mai begann die Massenvernichtung in Auschwitz [Holocaust]. Am 16. Juli wurden über 13'000 französische Juden in Paris verhaftet und deportiert. Ende Juli erstattete Robert Jezler (Stellvertreter Rothmunds) dem Bundesrat Bericht:
«Die übereinstimmenden und zuverlässigen Berichte über die Art und Weise, wie die Deportationen durchgeführt werden, und über die Zustände in den Judenbezirken im Osten sind derart grässlich, dass man die verzweifelten Versuche der Flüchtlinge, solchem Schicksal zu entrinnen, verstehen muss und eine Rückweisung kaum mehr verantworten kann.» Dennoch betonte er, man dürfe in der heutigen Kriegszeit, in der auch die Schweiz in gewissem Sinn um ihre Existenz kämpfen müsse, «nicht zimperlich» sein, und empfahl, bei der Aufnahme von Flüchtlingen in Zukunft «grosse Zurückhaltung» zu üben.
(UEK, Schlussbericht, S. 115, übereinstimmend, aber gekürzt Chronik, a.a.O., S. 540)
Die Schweizer Behörden reagierten auf die klar verschärfte Bedrohung für jüdische Flüchtlinge nun aber nicht etwa mit einer Lockerung der Flüchtlingspolitik, ganz im Gegenteil: Am 13. August 1942 erliess Polizeichef Heinrich Rothmund in Abwesenheit von Bundesrat Eduard von Steiger eine totale Grenzsperre für Flüchtlinge. Die Massnahme wurde in der Öffentlichkeit sofort heftig kritisiert. Nach einem persönlichen Appell der "Flüchtlingsmutter" Gertrud Kurz (Leiterin des Christlichen Friedensdienstes) ordnete Bundesrat Eduard von Steiger am 24. August aus den Ferien die Lockerung der Sperre an (Chronik, a.a.O., S. 540)

Widerstand aus dem Volk gegen die Politik der Behörden
Die Landsgemeinde der "Jungen Kirche"
Am 30. August fand in Zürich-Oerlikon eine von mehreren Tausend Menschen besuchte Landsgemeinde der "Jungen Kirche" [Jugendorganisation der reformierten Landeskirche] statt, auf der Bundesrat von Steiger u.a. von Max Wolff, dem Präsidenten der zürcherischen Kirchensynode, kritisiert wurde, "die Kirche lehne sich dagegen auf, »wenn man von ihr im Namen der Neutralität fordert, dass sie zu schwerstem Unrecht, das in der Welt geschieht, schweige, dass sie gleichgültig oder angstvoll zusehe, wenn [man] Völker und Rassen vergewaltigt ... [und] alles verhöhnt und zerschlagen wird, was auch die tragenden Fundamente der Schweiz bildet.«" (ebda., S. 541)
Die Rechtfertigung des Bundesrates: "Das Boot ist voll"
Von Steiger rechtfertigte sich u.a. wie folgt: »Unter Umständen muss man sogar hart und unnachgiebig scheinen, muss Vorwürfe, Beschimpfungen und Verleumdungen ertragen und trotzdem widerstehen können und nicht umfallen ... Wer ein schon stark besetztes kleines Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen und ebenso beschränkten Vorräten zu kommandieren hat, indessen Tausende von Opfern einer Schiffskatastrophe nach Rettung schreien, muss hart scheinen, wenn er nicht alle aufnehmen kann. Und doch ist er noch menschlich, wenn er beizeiten vor falschen Hoffnungen warnt und wenigstens die schon Aufgenommenen zu retten sucht ...« (ebda., S. 541) Am 22./23. September wurde die Asylpolitik des Bundesrates im Parlament zwar von einzelnen Volksvertretern (Ludwig Rittmeyer, FDP, SG; Albert Oeri, liberal, BS sowie Paul Graber, SP, NE unterstützt von den meisten Sozialdemokraten) heftig kritisiert, die bürgerliche Mehrheit billigte sie jedoch. (UEK, Schlussbericht, S. 138) Darauf verschärfte die Regierung die Aufnahmepraxis wieder. (Chronik, a.a.O., S. 541)
Die offizielle Haltung der Kirchen
Die Kirchen verhielten sich uneinheitlich. Die meisten offiziellen Repräsentanten billigten die Politik der Regierung stillschweigend oder sogar ausdrücklich. Kritik kam von engagierten Einzelpersonen, die insgesamt eher am Rande der Volkskirchen standen und für ihre mutige Haltung auch innerkirchlich kritisiert wurden. (UEK, Schlussbericht, S. 141ff) Die Einstellung der Bevölkerung "lässt sich heute kaum mehr zuverlässig einschätzen. Allerdings sprechen die jahrelange finanzielle Unterstützung der Hilfswerke, die Fluchthilfe an der Grenze sowie die Bereitschaft, sich in Hilfaktionen wie der Beherbergung von Kindern oder der von Pfarrer Paul Vogt initiierten Freiplatzaktion zu engagieren, doch sehr dafür, dass in einem Teil der Bevölkerung eine ganz beachtliche Hilfsbereitschaft bestand." (UEK, Schlussbericht, S. 149)
Die Mahnung eines Studenten
Ein Student sah schon damals im Oktober 1942 voraus, in welche Schwierigkeiten die Einschränkung des Asylrechts und insbesondere die praktische Verweigerung des Asyls für Juden die Schweiz nach dem Krieg bringen würde:
«Wir haben volles Verständnis für die furchtbar schwere Aufgabe unserer Behörden. Aber wir Jungen haben das Recht zu fordern, dass heute in dieser Sache so gehandelt wird (und zwar bewusst und eindeutig und nicht nur um die Volksstimmung etwas zu besänftigen!), dass es nicht später einmal heissen kann: die Schweizer und ihre Bundesräte haben immer sehr viel und sehr schön von ihren Idealen und Traditionen, von der Menschlichkeit im Wesen des Kleinstaates usw. geredet, aber als es dann darauf ankam, als ihnen wirklich eine grosse, unerwartete Aufgabe reiner, unrentabler Menschlichkeit zufiel, da haben sie versagt, da haben sie sich im Schneckenhäuslein ihrer <Staatsraison> nicht von solchen unerwünschten Zwischenfällen derangieren lassen wollen. Wir können und müssen heute auf mancherlei Rechte verzichten, aber von dem Recht und der Pflicht zur Menschlichkeit können und dürfen wir uns nicht dispensieren, denn nachher, wenn es wieder leichter, billiger und weniger riskant sein wird, menschlich zu sein, ist es dazu dann eben zu spät.» 
(zitiert nach: Ulrich Im Hof: Mythos Schweiz)


Die allzu späte Korrektur (1944)
Um den russischen Vormarsch zu stoppen, besetzten deutsche Truppen am 19. März 1944 das bis dahin mit Deutschland verbündete Ungarn. Zwischen dem 15. Mai und dem 8. Juli 1944 wurden 476'000 Juden aus Ungarn ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. (Roth Heinrich und Weiss Josef, Zweiter Weltkrieg, 2. Teil , S. 29) Am 12. Juli 1944 trafen in Bern Nachrichten aus Ungarn ein, wonach alle Juden in Ungarn mit dem Tod bedroht seien. (Chronik, a.a.O., S. 542) Die Schweiz revidierte ihre Flüchtlingspolitik am 12. Juli 1944, als es bereits zu spät war. (Roth Heinrich und Weiss Josef, a.a.O., S. 29) Am 12. Juli 1944 erliess das EJPD neue Weisungen über die Aufnahme von Flüchtlingen. Juden wurden darin von den Behörden erstmals als allgemein gefährdet eingestuft und - unabhängig von speziellen persönlichen Asylgründen - als Flüchtlinge anerkannt. Damit reagierte man auf einen Bericht aus der Botschaft in Budapest, dass alle Juden in Ungarn vom Tod bedroht seien

Die schweizerische Flüchtlingspolitik während des 2. Weltkriegs
im Urteil der Historiker
1970 urteilte Prof. Edgar Bonjour: «Die ganze damalige Generation hat versagt und ist mitschuldig. Denn in einer direkten Demokratie wie der schweizerischen wäre das Volk, wenn es sich richtig aufgerafft hätte, durchaus nicht gezwungen gewesen, den ihm unleidigen Kurs der Regierung während zehn Jahren passiv zu ertragen. ... Der in jedem Bürger steckende Egoist und latente Antisemit liess ihn die Augen vor der Unmenschlichkeit gewisser Aspekte der behördlichen Asylpolitik verschliessen.» (Bonjour Edgar, Neutralität, Bd. VI, 1970, S. 41, zitiert nach UEK, Schlussbericht, S. 131)
Dagegen wandte die Bergier - Kommission ein: "Beide Erklärungsversuche - hier die isolierte Verantwortung des EJPD, dort die kollektive Verantwortung der Schweizer Bevölkerung - greifen zu kurz. Die Feststellung von Verantwortung muss das Gefälle von Entscheidungskompetenz, Informationsstand sowie sozialer und politischer Macht, das die verschiedenen Akteure unterschied, berücksichtigen." (UEK, Schlussbericht, S. 131f)

Die schweizerische Flüchtlingspolitik während des 2. Weltkriegs
im historischen Zusammenhang
Zu beachten ist, dass die meisten Staaten auf dem europäischen Festland von deutschen oder mit ihnen verbündeten Truppen besetzt waren und aus all diesen Ländern insgesamt rund 6 Millionen Juden in die Vernichtungslager der Nazis verschleppt wurden. Bei einer eigenen Bevölkerung von 4 Millionen hätte die isolierte Schweiz zwar niemals alle von den Nazis verfolgten Personen aufnehmen können, wohl aber die rund 20'000 - 25'000 Flüchtlinge, die bis zur Schweizer Grenze gelangten und dort in den praktisch sicheren Tod zurückgeschickt wurden. (UEK, Schlussbericht, S. 120) Diese hätten die Zahl der Flüchtlinge nur um rund 10%, die der Gesamtbevölkerung um lediglich 0,6% erhöht!
Bis 1940 wäre eine Weiterreise der zivilen Flüchtlinge auf dem Land- und Seeweg in die USA oder nach Kanada noch problemlos möglich gewesen, nachher hätte man sie allenfalls über eine Luftbrücke in Sicherheit bringen können. Bisher konnte ich allerdings in keiner Quelle von einem entsprechenden Angebot der USA etwas lesen, ganz im Gegenteil: "Eine Aufnahme von 20 000 jüdischen Kindern ... wurde zu Beginn des Jahres 1939 vom Kongress abgelehnt, und einige Monate später wurde den unglücklichen Passagieren der «St. Louis» die Landeerlaubnis ... verweigert. Mit Kriegsbeginn ... wurde die Visaerteilung für die in Europa blockierten jüdischen Flüchtlinge immer restriktiver: Nachdem 1939 noch über 30 000 Visa abgegeben worden waren, fiel die Zahl 1941 auf etwa 4000. ... Insgesamt nahmen die USA von 1933 bis 1945 etwa 250 000 jüdische Flüchtlinge auf. " (UEK, Schlussbericht, S. 171) Angesichts der Grösse des Landes, der Tradition als Einwanderungs- und Nahrungmittelexportland und der fehlenden militärischen Bedrohung des Kernlandes kann diese Quote von 1 Promille der heutigen Bevölkerung im Vergleich mit den von der Schweiz aufgenommenen 55'000 erwachsenen Zivilflüchtlingen (8 Promille der heutigen Bevölkerung, dazu nochmals doppelt so viele internierte Soldaten) nur als schäbig bezeichnet werden. Sogar Stuart Eizenstat, Ex-Unterstaatssekretär der USA, kritisiert in seinem aktuellen Buch "Imperfect Justice" "Amerika, das während des Zweiten Weltkrieges «weniger Flüchtlinge ins Land gelassen habe als die winzige Schweiz»." (Nach der Buchrezension der "Neuen Luzerner Zeitung", Ausgabe vom 20. 12. 2002, S. 5)



Die Rolle des IKRK
"Das Internationale Komittee vom Roten Kreuz (IKRK) wird, obwohl es keinen Regierungsstatus hat, sondern eine völkerrechtliche Funktion im Dienst der internationalen Staatenwelt übernimmt, gerne als Aktivposten der schweizerischen Stellung in der Welt gesehen. Die Leistungen des IKRK gerade auch nach dem Krieg (Betreuung von Kriegsgefangenen, Infozentrale für Angehörige) müssen auch anerkannt werden. Überlegungen der Staatsräson veranlassten das IKRK allerdings zu einer passiven Haltung angesichts der deutschen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Kriegsjahre. Nachräglich, 1989, erkannte das IKRK an, dass es moralisch verpflichtet gewesen wäre, sich um die Juden in Deutschlands Machtbereich und überhaupt um die Bewohner der annektierten Gebiete zu kümmern; zugleich wies es aber darauf hin, dass der Schutz der Zivilbevölkerung erst mit dem IV. Genfer Abkommen von 1949 völkerrechtlich vereinbart worden sei." (UEK, Schlussbericht, S. 69)
Auch hier hinkte offensichtlich das Völkerrecht hinter der Realität hinterher. 

Literatur und Links zur Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg:
• Chronik der Schweiz, red. Christian Schütt / Bernhard Pollmann, Dortmund: Chronik-Verlag / Zürich: Ex Libris, 1987
• Unabhängige Expertenkommission zur Untersuchung der Rolle der Schweiz im 2. Weltkrieg (Bergier - Kommission). Zitate nach dem Schlussbericht (551 Seiten, 1,8 MB pdf-Format); Der Schlussbericht ist in Buchform erschienen im Pendo-Verlag, Zürich, 2002
• Antwort des Bundesrates auf die parlamentarische Anfrage 98.3447 von Ständerat Maximilian Reimann vom 7. 10. 1998
• Roth Heinrich und Weiss Josef, Zweiter Weltkrieg, Zeitgeschichtliche Lesehefte, Wattwil: Artel-Verlag 21970.
Teil 1: Überfall 
Teil 2: Zusammenbruch
• Ulrich Im Hof: Mythos Schweiz. Identität - Nation - Geschichte 1291 - 1991. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung, 1991
• Neue Luzerner Zeitung, Zentralschweizer Tageszeitung, Luzern. Zitate nach der gedruckten Ausgabe.

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Schweden

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 18:52


"Wo die eisernen Kreuze wachsen":
Hitlers schwedische Soldaten

Der schwedische Historiker Bosse Schön untersucht die Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten.

Von Bernd Parusel, Stockholm


Kein Journalist habe ihn je gefragt, ob er eigentlich einen bestimmten Plan verfolge, schreibt Bosse Schön im Vorwort seines soeben in Schweden erschienenen Buchs "Hitlers schwedische Soldaten". Dennoch gibt er eine Antwort darauf: Ja, er habe einen Plan, und zwar keinen geringeren, als Schweden dazu zu bringen, "seine wirkliche Rolle im Zweiten Weltkrieg nicht länger zu verschweigen". Mit Büchern, Zeitungsartikeln und Dokumentarfilmen arbeiten Schön und sein Mitarbeiter Tobias Hübinette schon seit mehreren Jahren auf dieses Ziel hin. Das jetzt erschienene Werk ist eine Zusammenführung und Aktualisierung zweier früherer Bücher des Historikers: "Schweden, die für Hitler kämpften" (1999) und "Wo die eisernen Kreuze wachsen" (2001). 

Er habe in der Schule gelernt, dass sein Land am Zweiten Weltkrieg nicht beteiligt gewesen sei, schreibt Schön. Geradezu als die "unschuldigste Nation der Welt" sei Schweden präsentiert worden. Lange, und zum Teil noch heute, wurden in schwedischen Bildungseinrichtungen zwar die Geschichte des "Dritten Reiches" und der Kriegsverlauf gelehrt. Das eigene Land kam dabei jedoch kaum vor. Dem Mainstream der Geschichtsschreibung zufolge gab es wenig über Schweden zu berichten. Dank außenpolitischer Neutralität sei man im Zweiten Weltkrieg unversehrt geblieben und im Unterschied zu den Nachbarn in Norwegen oder Dänemark einer Besetzung durch Nazideutschland entgangen. Mit den Verbrechen des Hitlerregimes habe man nichts zu tun gehabt, und von der systematischen Judenvernichtung habe man, wie Politiker der damaligen Zeit erklärten, erst erfahren, als es zu spät gewesen sei. 

Nach jahrelanger Recherche in den Archiven der schwedischen Geheimpolizei Säpo und in Gesprächen mit Zeitzeugen hat Schön eine Vielzahl von Fakten zu Tage gefördert, die ein anderes Bild ergeben. So war Schweden zwar offiziell neutral. Nicht von Deutschland besetzt zu werden, wurde jedoch auch mit Nachgiebigkeit gegen den Führerstaat erkauft. So durften deutsche Truppen auf dem Weg von und nach Norwegen schwedisches Territorium passieren, und das strategisch wichtige schwedische Eisenerz wurde während des Krieges weiter an Deutschland geliefert. 

Schön hat außerdem Belege dafür, dass sich im Schatten der offiziellen Neutralität mindestens 280 Schweden freiwillig der deutschen Waffen-SS anschlossen, um, wie er sagt, ein "reinrassiges Großgermanien zu schaffen – befreit von Juden und anderen 'Untermenschen'". Zusammen mit Soldaten aus Norwegen, Dänemark, Estland und Frankreich kämpften 39 von ihnen in der SS-Division "Nordland". Einige waren sogar noch an der Schlacht um Berlin unmittelbar vor der Kapitulation der Wehrmacht beteiligt. 

Als die schwedischen Legionäre 1945 nach Hause zurückkehrten, änderten viele ihre Namen und entzogen sich erfolgreich der Öffentlichkeit. Andere dagegen verbreiteten weiter nationalsozialistische Ideen oder schufen Netzwerke, um Kriegsverbrechern dabei helfen zu können, sich in Schweden, Argentinien, Brasilien oder Spanien zu verstecken. Einige ehemalige SS-Soldaten, aber auch viele jener Schweden, die zu Hause in nationalsozialistischen Bewegungen aktiv waren, dienten späteren Generationen von Rechtsextremen als Geldgeber und Vorbilder und warben noch lange nach 1945 für ihre Ziele. Die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSAP) Sven Olov Lindholms, 1938 in Svensk Socialistisk Samling (SSS) umbenannt, forderte noch 1948 die Einführung von "Rassenbiologie und -hygiene" als obligatorisches Schulfach in Schweden, warb für ein Verbot von Eheschließungen mit Juden und verlangte staatliche Gelder für kinderreiche, "reinrassige" Familien. Erst 1950 löste sich die SSS auf. 

Zwischen 1924 und 1945 gab es in Schweden rund neunzig faschistische Organisationen, von Parteien, Jugendverbänden und Gewerkschaften bis zu Unternehmerorganisationen und elitären Diskussionsclubs. Naziparteien erreichten – hauptsächlich wegen der Zersplitterung der Bewegung – zwar nie Mandate im Reichstag, hatten jedoch zahlreiche Vertreter in Gemeindeparlamenten und zehntausende Mitglieder. 28 000 davon sind heute namentlich bekannt – eine Zahl, die, wie Schön urteilt, dem verbreiteten Mythos widerspreche, die schwedischen Nazis seien wenige gewesen und hätten keinen Einfluss gehabt. Viele gehörten der Oberschicht ihres Landes an, 200 waren Professoren oder Universitätsdozenten. Ihre Aktivitäten gingen so weit, im Schatten der Regierung des sozialdemokratischen Premierministers Per Albin Hansson einen schwedischen Beitrag zur Vernichtung der europäischen Juden vorzubereiten. 1941 forderte die SSS ihre Mitglieder auf, Verzeichnisse von Juden zu erstellen, die in ihrer Umgebung ansässig waren, und an die Parteizentrale zu senden. In der Gemeinde Sjöbo arbeiteten Nazis Pläne für den Bau von Konzentrationslagern aus und hielten Pfosten, Stacheldraht und Bauteile für Baracken bereit. Im Fall eines deutschen Einmarschs sollten die damals rund 8 000 schwedischen Juden eingesperrt und an Hitler übergeben werden. 

Darüber hinaus hatten die Ideologien schwedischer Naziparteien auch Einfluss auf die Politik der Regierung. So wurde im Februar 1939 eine besondere Art der Volkszählung angeordnet. Alle in Schweden wohnhaften Ausländer wurden verpflichtet, sich auf einem dreiseitigen Formular registrieren zu lassen und dabei auch anzugeben, ob sie jüdischer Abstammung waren. Als nach der deutschen Reichspogromnacht im Jahr 1938 täglich 200 jüdische Flüchtlinge versuchten, nach Schweden zu gelangen, wurde nur ein kleiner Teil von ihnen ins Land gelassen. Erst 1942, als norwegische Juden von den deutschen Besatzern in Konzentrationslager deportiert wurden, erleichterte Schweden seine Einreisebestimmungen. 

Bosse Schön wäre, wie er selbst kürzlich in einem Artikel in der linken Wochenzeitung Arbetaren schrieb, kaum an das Material gekommen, hätte er nicht auf die Arbeit eines heute nahezu vergessenen Journalisten und Nazijägers aufbauen können, des Syndikalisten Armas Sastamoinen. Zwischen 1947 und 1983 ermittelte Sastamoinen zielstrebig die Personen, die hinter der NSAP und der SSS standen und veröffentlichte die Namen bis dahin unbekannter ehemaliger Nazis, die inner- oder außerhalb Schwedens für Hitler Partei ergriffen hatten. 

Als Schöns erstes Buch Ende 1999 erschien, wurde es heftig diskutiert. Die Stockholmer Universität hatte Mitte der neunziger Jahre in einer Umfrage unter Jugendlichen herausgefunden, dass die Kenntnisse über den Völkermord an den Juden gering waren. Über die Hälfte der Jugendlichen konnte sich unter dem Begriff "Holocaust" nichts vorstellen. Der sozialdemokratische Premierminister Göran Persson initiierte daraufhin das Projekt "Lebendige Geschichte", das inzwischen zu einer Dauereinrichtung wurde, die mit Ausstellungen und Diskussionsveranstaltungen den Holocaust beleuchtet. Unter dem Titel "Darüber sollt ihr berichten" gab die Regierung außerdem ein Buch über die Verbrechen Nazideutschlands heraus, das in Millionenauflage gratis an Schulen und Privatleute verteilt wurde. Den letzten Teil der Aufklärungsoffensive bildete eine Serie internationaler Konferenzen für Politiker, Abgesandte internationaler Organisationen und Wissenschaftler zu den Themen Holocaust, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit, Versöhnung sowie Völkermord in den Jahren 2000 bis 2004. Kurz vor der ersten dieser Konferenzen erschien Schöns Buch "Schweden, die für Hitler kämpften", und plötzlich erntete Person im In- und Ausland nicht mehr nur Anerkennung für seine Aufklärungsarbeit, sondern auch kritische Fragen über die bisher unzureichend erforschte schwedische Geschichte zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. 

Ob Schöns und Sastamoinens Arbeiten längerfristig dazu beitragen, die schwedische Gesellschaft gegen Rechtsextremismus, Faschismus und Nationalsozialismus zu wappnen, ist jedoch fraglich. Als eine Gruppe junger Neonazis Anfang dieses Jahres vor Gericht stand, weil sie Anschläge auf öffentliche Einrichtungen und "Feinde der Bewegung" geplant hatte, blieb das Medienecho gering (Jungle World, 4/05). Viele Schweden begrüßen es, dass die Zeitungen selten ausführlich über rechtsextreme Umtriebe berichten. Je mehr Aufmerksamkeit die Neonazis bekämen, desto größer werde die Gefahr, dass sich noch mehr Menschen für sie interessieren und vielleicht begeistern, meinen viele. Wegschauen und Totschweigen waren also nicht nur in der Zeit nach dem Weltkrieg und dem Völkermord an den europäischen Juden vorherrschende "Strategien" im Umgang mit schwedischen Nazis. Sie sind es, trotz Bosse Schöns Ermittlungen, auch heute noch.
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Österreich

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:07


Judenverfolgung 1938



Geschäftsauslage in der Taborstraße mit Beklebung "Jüdisches Geschäft".
März 1938
aus "Hans Petschar; Anschluss - Eine Bildchronologie"
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Der Begriff "Reichskristallnacht" wurde von den Nationalsozialisten geprägt. Er ist eine zynische Umschreibung der Greueltaten die in der Nacht des 10. Novembers 1938 stattfanden. Das Attentat von Herschel Grynszpan, Sohn jüdischer Flüchtlinge, auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath, bildet den Vorwand für das reichsweite Pogrom.Der Wortteil "Kristall" kommt von den immensen Glasschäden die sich auf rund 6. Millionen RM beliefen.




Antisemitische Ausschreitungen in Wien.
März 1938. Foto: Albert Hilscher
aus "Hans Petschar; Anschluss - Eine Bildchronologie"
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Bei einer "Besprechung der Judenfrage" vom 12. November 1938, meinte Göring, dass sich die Deutschen mit den Protestaktionen in das eigene Fleisch geschnitten haben, da erstens, die Versicherungen den Juden die angerichteten Schäden ersetzen und zweitens, Volksgüter zerstört wurden. Ein wichtiges Thema bei dieser Zusammenkunft ist ebenfalls die Frage, wie den geschädigten Deutschen ihr Eigentum ersetzt werden kann. Die allgemeinen Schäden (Sachschaden, Inventar und Warenschaden), wurden auf mehrere 100 Millionen RM geschätzt. Als Sühneleistung wegen der, angeblich, feindlichen Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Reich und Volk, verlangt Göring die Zahlung von 1. Milliarde RM an das deutsche Reich.




Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands.
Juden müssen in Wien-Erdberg Gehsteig reiben.
vermutlich in der Hagenmüllergasse. Aufgenommen im März 1938.
aus "Hans Petschar; Anschluss - Eine Bildchronologie"
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Bereits in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 begannen in Österreich die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung, die wochenlang das Straßenbild Wiens prägen sollten. Blinder Hass, Neid, Herrenmenschendünkel und ein jahrhundertelang tradierter  Antisemitismus brachen in Form einer mittelalterlich anmutenden Judenverfolgung aus. Jüdische Männer, Frauen und manchmal auch Kinder wurden von SA-Männern, HJ-Angehörigen und Mitläufern des NS-Regimes geschlagen, verhaftet und gedemütigt, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert. Die spontanen Gewaltakte der österreichischen Nationalsozialisten und ihrer Mitläufer waren eine Facette des antijüdischen Terrors, die Separierung und Diffamierung der österreichischen Juden durch die nationalsozialistischen Gesetze die andere. Bis zum Kriegsbeginn im September 1939 hatte das nationalsozialistische Regime in Österreich und Deutschland durch Gesetze, Erlässe und Verordnungen die wirtschaftliche Existenz der Juden vernichtet.



Juden werden gezwungen, Parolen der Vaterländischen Front abzuwaschen.
Auf der Aspernbrücke in Wien.
März 1938. Foto: Albert Hilscher
aus "Hans Petschar; Anschluss - Eine Bildchronologie"
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Auch die ersten Maßnahmen zu deren besonderer Kennzeichnung (Einführung der "Kennkarte"), Isolation (Beginn der Konzentration in bestimmten Wohnhäusern) sowie zur Einengung der persönlichen Bewegungsfreiheit (z. B. Aufenthaltsverbot in namentlich genannten Parkanlagen) waren bereits getroffen.  Der letzte Schritt zur Ausgrenzung und Stigmatisierung der österreichschen Juden erfolgte am 15. September 1941 durch eine Polizeiverordnung, aufgrund welcher Juden ab dem 6. Lebensjahr gezwungen waren, den "Judenstern" zu tragen. Auch mussten die von Juden bewohnten Wohnungen ab April 1942 mit einem "Judenstern" gekennzeichnet sein. Im Februar 1941 begannen die Deportationen aus Wien in die Ghettos und Vernichtungslager. Insgesamt fielen annähernd 6 Millionen Juden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer, ca. 65.000 davon waren Österreicher.

Interview mit einem Zeitzeugen

...schließlich half das Wiener Institut für Zeitgeschichte. Ich bekam Namen und Adressen von Juden, die politisch organisiert sind und also keine Angst haben, sich als Juden zu erkennen zu geben.
Fritz Kleinmann war sofort zu einem Interview bereit. Wir trafen uns im Hof einer Schule. Heute Schule, damals Schule. Damals aber auch Sammelplatz, einer von drei Sammelplätzen, wo sich die Wiener Juden einfinden mussten, um von hier aus deportiert zu werden. Neben dem Eingang: eine Erinnerungstafel. Auch nicht gerade übergroß, aber immerhin stand da geschrieben, dass von hier aus die ersten Sammeltransporte abgingen: Oktober 1941. Daneben und darüber bunte Bäume und Blumen, Kinderzeichnungen. Fritz Kleinmann erzählte:
Ich wurde das erste Mal am 9. November 1938 bei der Reichskristallnacht verhaftet, und zwar von Nachbarn aus unserem Wohnhaus, die dann stramme Nationalsozialisten waren. Die suchten den Vater, und weil sie ihn nicht fanden, hat man mich mitgenommen. Das waren vier Leute, die mit dem Vater per du waren, und der Vater wurde auch von denselben Leuten an dem Tag verhaftet. Ich kam am nächsten Tag noch einmal frei, weil ich erst 15 Jahre alt war, und der Vater kam nach Haus, weil er im Ersten Weltkrieg Frontsoldat war und höchste Auszeichnungen für den Kampf an der Front erhalten hatte.

Wenn da vier Leute kommen, die einen kennen und die man kennt,
die einen abholen wollen, da fragt man doch erst mal: Was soll das?

Man musste mitgehen, das waren SA-Leute. Der eine war politischer Funktionär in Uniform, die anderen waren in Zivil mit Hakenkreuzbinden. Es war ihnen unangenehm, zu uns zu kommen, das merkte man, aber sie haben es ja an anderen Stellen überall gemacht. Wir waren ja nur die Bekannten aus dem Haus. Sie haben uns auch nicht geschlagen. Dieselben Leute kamen nach Kriegsbeginn 1939 wieder, diesmal mit zwei SS-Leuten, alles Österreicher, und die suchten wieder den Vater, und ich musste mitgehen, weil der Vater nicht zu Hause war. Die Gefängnisse in Wien waren überfüllt, über tausend Wiener Juden wurden inhaftiert und mit Autos zum Westbahnhof gebracht, dann mit Zügen nach Weimar und ins Konzentrationslager Buchenwald transportiert.

Wer hat die Züge begleitet, wer hat die ganzen Aktionen gemacht,
immer Österreicher?

Deutsche und Wiener Schutzpolizei begleiteten uns bis Weimar. Dort wurden wir von der SS-Verfügungsstandarte übernommen.

Wie haben sich die Österreicher den verhafteten Juden
gegenüber verhalten?

Bei der Reichskristallnacht wurden die Juden verprügelt, misshandelt, schikaniert, die Tempel wurden angezündet.

Von Österreichern?

Ja. Sicher auch unter Anweisung der deutschen Nazis, aber da waren schon unsere Einheimischen stark dabei.

Sie hatten ja noch einen Bruder und zwei Schwestern,
was ist mit denen geschehen?

Die eine Schwester wurde in der Reichskristallnacht von Jugendfreunden, die jetzt stramme SA-Leute waren, zu "Reibarbeiten" geholt. Sie musste mit anderen Juden die Straßen mit Zahnbürsten reinigen. Das war eine reine Schikane, und die Leute haben dabei zugeschaut und sie bespuckt und geschlagen. Das war das Normale damals. Sie ist 1939 mit einem Dienstbotenvertrag nach England ausgewandert. Mein Bruder wurde mit elf Jahren von der Mutter zu fremden Leuten nach Amerika geschickt. Am 6. Juni 1942, während der Vater und ich schon im Konzentrationslager waren, wurden meine Mutter und meine andere Schwester aus der Wohnung geholt und nach dem Osten deportiert. Sie wurden beide in Minsk erschossen.

Haben Sie nach dem Krieg diese Leute, die Sie verhaftet haben, wiedergetroffen?

Ja, sie haben ja in unserem Haus gewohnt. Ich war am 28. Mai schon aus dem Konzentrationslager Mauthausen wieder in Wien. Von den 1048 Juden aus meinem Transport haben 26 überlebt. Auch mein Vater hat das Konzentrationslager überlebt, er kam aus Bergen-Belsen zurück. Und diese vier, die mich 1938 und 1939 verhaftet hatten, beschwerten sich, dass ich sie nicht grüße. Der Vater meinte, warum ich sie nicht grüße, das wäre nicht so schwer, wir wollten ja wieder ruhig leben, und ich sagte ihm, ich habe keine Veranlassung dazu. Solange sie lebten, 40 Jahre lang, kam keiner von ihnen zu mir und sagte, es tut mir leid, was eurer Familie geschah.

aus Rosa Antifa Wien

Judenverfolgung – Das System der Vernichtung


Die Verfolgung der Juden in Österreich verlief nach einem genauen Plan. Ihn zu durchschauen war schwer und wer es sich nicht leisten konnte, schnell genug ins Ausland zu flüchten, war verloren. Am Anfang stand die Vetreibung, jedoch schnell änderten sich die Pläne. Als der Krieg begann, hörten die Vertreibungen auf und es begann die Ermordung.


Kennzeichnung der Pässe

Die ersten Maßnahmen waren die besondere Kennzeichnung (Einführung der "Kennkarte"), Isolation (Beginn der Konzentration in bestimmten Wohnhäusern) sowie die Einengung der persönlichen Bewegungsfreiheit (z. B. Aufenthaltsverbot in namentlich genannten Parkanlagen, Kinos, Schwimmbädern usw.).

Berufsverbot – Vertreibung von den Arbeitsplätzen

Ein nächster Schritt war es, die Juden davon abzuhalten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dazu wurden sog. Berufsverbote ausgesprochen. Das heißt, dass es den Juden Schitt für Schritt verboten wurde ihre Berufe auszuüben. Die so frei gewordenen Arbeitsplätze bekamen andere. Durch diese „Beschäftigungspolitik“ wurden die Juden in Armut und Elend gedrängt.

Kennzeichnung der Kleider

Der letzte Schritt zur Ausgrenzung der österreichischen Juden erfolgte am 15. September 1941 durch eine Polizeiverordnung, aufgrund welcher Juden ab dem 6. Lebensjahr gezwungen waren, den "Judenstern" zu tragen. Auch mussten die von Juden bewohnten Wohnungen ab April 1942 mit einem "Judenstern" gekennzeichnet sein.


Vertreibung aus den Wohnungen

Bald nach dem Anschluss hat man damit begonnen Juden aus ihren Wohnungen und Häusern zu verjagen. Die Wohnung mitsamt den Möbeln, Kleidern und anderen persönlichen Wertgegenständen bekamen Mitglieder der nationalsozialistischen Partei. Den Juden wurde beim Verlassen ihrer Wohnungen oft nur wenige Stunden Zeit gelassen. Außer ein paar Kleidern für die Reise in die Vernichtungslager durften sie nichts mitnehmen. Zwischen März 1938 und Mai 1939, also innerhalb von 14 Monaten, wurden in Wien rund 44.000 Wohnungen "arisiert", das heißt geraubt.



Bis Kriegsende stieg die Zahl der enteigneten Mietwohnungen noch auf 59.000. Alle österreichischen Juden wurden nach Wien gebracht und mussten dort vorübergehend in sog. Sammelwohnungen auf engstem Raum leben, bevor es in die Vernichtungslager weiterging.


Jahrzehntelang war dieser Teil der österreichischen Geschichte verschwiegen worden. Erst in den letzten Jahren wurden die Opfer dafür vom Österreichischen Nationalfonds entschädigt. Dabei erzählten viele Menschen wie sie ihre Vertreibung als Kind miterlebt hatten. Im Österreichischen Nationalfonds liegen Tausende dieser erschütternden Geschichten.

Verhaftung und Verschickung in Vernichtungslager

Im Februar 1941 begannen die Deportationen aus Wien in die Ghettos und Vernichtungslager. Insgesamt fielen annähernd 6 Millionen Juden der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer, ca. 65.500 kamen aus Österreich.
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Dänemark

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:10

Oktober 1943


Die Rettung der dänischen Juden

Dänemark in den 30er Jahren

Ein kleines Land mit 4 Millionen Einwohnern und einer Dänisch sprechenden, lutherischen Bevölkerung mit nur wenigen kleinen ethnischen und religiösen Minderheiten. Im Laufe der Zeit hat Dänemark viele Einwanderer aus Deutschland, Holland, Schweden und Polen aufgenommen und schnell in die Gesellschaft integriert.
Die Außenpolitik war von friedlicher Konfliktlösung geprägt und Friedfertigkeit und demokratische Tradition bestimmten auch die innenpolitische Situation. Liberalismus mit einem starken Einschlag von sozialer Solidarität - was man seitdem als das "skandinavische Modell" bezeichnet - prägte die dänische Politik. Der Lebensstandard gehörte damals wie heute zu den führenden in der Welt.
Der 9. April 1940
Deutschland griff Dänemark trotz des Nichtangriffspakts an, der ein Jahr zuvor auf deutsche Initiative hin eingegangen worden war. Dänemark war für eine militärische Verteidigung nicht gerüstet und so mußte der Kampf schnell aufgegeben werden. Die Regierung beschloß, ihre Tätigkeit fortzusetzen um Kampfhandlungen auf dänischem Boden zu verhindern, den deutschen Einfluß einzuschränken und einen Aufschwung der dänischen Nationalsozialisten zu verhindern. Dies war möglich, da Deutschland garantiert hatte, 'als Freund' zu kommen und sich nicht in unangebrachter Weise in die inner-dänischen Verhältnisse einzumischen.
Kollaboration und Widerstand
Die dänischen Behörden bemühten sich um eine enge Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht. Die Mehrheit der Bevölkerung war englisch-freundlich gesinnt, sah aber, daß man sich in Europa auf eine deutsche Vorherrschaft einrichten müsse. Bis 1943 blieb die Situation in Dänemark friedlich.
In Berlin betrachtete man Dänemark als das "Musterprotektorat" Deutschlands, während in London von "Hitlers Kanarienvogel" die Rede war. Wichtig in dem Zusammenhang war auch, daß die Dänen als "germanisch-nordisches" Volk par excellance betrachtet wurden. Auf die Werbung der Nationalsozialisten fielen jedoch nur wenige Dänen herein. Die NSDAP konnte nie einen größeren Zustrom als 2 - 3 % der Bevölkerung verzeichnen. Nur die deutsche Minderheit im Grenzgebiet schloß sich massiv dem Nationalsozialismus an.

Die Juden während der Besatzung
Die Besetzung durch die Deutschen setzte die ca. 8.000 dänischen Juden, unter starken Druck. Natürlich war bekannt, ob aus Zeitungen oder durch persönliche Verbindungen, was in Deutschland bereits geschehen war. Die dänische Regierung erklärte, daß sie sich Rassengesetzen und diskriminierenden Eingriffen entgegensetzen werde. Die Synagogen, jüdische Schulen und andere Institute wurden unauffällig von jungen Juden bewacht und mit der Alarmzentrale der dänischen Polizei verbunden.
Stimmungsumschwung 1943
Stalingrad, El Alamein und die Landung der alliierten Truppen in Italien, große Bombardements norddeutscher Städte - viele dieser Ereignisse trugen dazu bei, daß die Stimmung in Dänemark von Anpassung in Trotz umschlug. Illegale Flugblätter wurden verteilt, deutsche Ziele und Betriebe, die für die Besatzungsmacht arbeiteten, wurden sabotiert. Die Saboteure begannen Sprengstoff einzusetzen und nahmen Verbindung mit England auf. Die Kollaboration von Behörden und Organisationen wurde scharf attackiert und die Bevölkerung lehnte jede weitere Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht ab. Die Generalstreiksbewegung entstand. Am 29. August 1943 wird schließlich der militärische Ausnahmezustand über ganz Dänemark verhängt. Der SS-Gruppenführer Werner Best, von 1942 - 45 oberster Chef der Besatzungsmacht, wird von Hitler wegen seiner Weichheit beschimpft und beginnt daran zu arbeiten eine "Politik der harten Hand" gegenüber den Dänen durchzusetzen.

Die Judenaktion in Dänemark
Seit 1941 ist der systematische Völkermord an den Juden Europas voll im Gange. 3 Millionen Juden sind bereits bei den Massakern und in den Gaskammern der Vernichtungslager umgekommen.
Jetzt scheint auch der Zeitpunkt der "Endlösung" in Dänemark gekommen zu sein. Die dänische Regierung hat ihr Amt niedergelegt, und die Dänen teilen mit, daß keine neue Regierung gebildet wird. Die Zusammenarbeitspolitik ist zusammengebrochen. Am 15. September 1943 befürwortet Hitler die Deportation der dänischen Juden. Die Vorbereitungen laufen sofort an. Deutsche Polizeieinheiten werden aufgestellt und Spezialisten aus der Abteilung Adolf Eichmanns kommen nach Kopenhagen.
Die Warnung
Am 28. September erfolgt eine unmißverständliche Warnung. An diesem Tag nimmt SS Werner Best den endgültigen Befehl aus Berlin entgegen. Über einen deutschen Diplomaten erfahren die ehemaligen Regierungsmitglieder davon und geben die Warnung an die jüdische Gemeinschaft weiter. Am nächsten Morgen wird die Warnung beim Gottesdienst in der Synagoge weitergegeben.
In der Nacht vom 1. zum 2. Oktober wurde die Aktion gestartet. Deutsche Polizei nahm Juden im gesamten Land fest. Die meisten Juden waren aus ihren Heimen verschwunden, und so konnten nur wenige hunderte verhaftet und nach Theresienstadt gebracht werden.
Die Menschenmauer
Breite Teile der dänischen Bevölkerung empfanden, daß die Deutschen mit der Aktion gegen die Juden mit jeglicher Anständigkeit gebrochen und den dänischen Gerechtigkeitssinn gekränkt hatten. Verstecke mußten gefunden, Verpflegung und Transportmöglichkeiten zur Küste organisiert werden. Ärzte, Pastoren und Studenten beteiligten sich besonders aktiv an der Hilfsarbeit. Die dänische Polizei und der Küstenschutz weigerten sich, bei der Menschenjagd zu helfen.
Überfahrt nach Schweden
Die geographische Lage war ein wichtiger Faktor. Die Entfernung zwischen der dänischen Ostküste und Schweden beträgt stellenweise nur wenige Kilometer. Anfangs flüchteten viele Kleinboote, ja sogar Kanus. Dabei kam es zu tragischen Unfällen.
Die Fischer spielten eine zentrale Rolle bei der Rettungsaktion. Sie schmuggelten Juden an den deutschen Küstenpatrouillen vorbei, und riskierten damit ins Gefängnis oder Konzentrationslager zu kommen. Siebentausend Menschen wurden im Laufe weniger Tage in Fischkuttern und anderen Kleinbooten übergesetzt. Erfahrung und Kontakte, die sich aus der Hilfsarbeit ergeben hatten, kamen der Widerstandsbewegung zugute. Es soll allerdings nicht verschwiegen werden, daß eineige der Helfer sich für ihre Mitarbeit gut bezahlen liessen.

Deportierte aus Dänemark
am 2. Oktober aus Kopenhagen
202
aus Jütland/Fünen
82
am 13. Oktober und 23. November
190
später
7
Deportierte insgesamt
481

Dänemark in den letzten Kriegsjahren

Nach der Aktion gegen die Juden wurde der Ausnahmezustand aufgehoben, eine neue dänische Regierung kam jedoch nicht zustande. Die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht wurde auf ein Minimum reduziert.

Am 5.Mai 1945 wurde die deutsche Kapitulation zur Realität und eine Regierung, die zur Hälfte aus Freiheitskämpfern und Politikern der alten Parteien bestand, wurde gebildet.
Dänemark versteht die deutsche Zurückhaltung nicht:
SS Sören Kram soll endlich vor Gericht gestellt werden!
Mehrjährige Bemühungen um ein Gerichtsverfahren in Dänemark gegen Krams scheiterten, weil der ehemals dänische SS-Mann nach Kriegsende die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten hatte und deshalb nicht ausgeliefert wurde. In Deutschland wurde Krams nie belangt. Die Ermittlungen wurden 1971 eingestellt...

Mehr In auch bei: http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/d/daeneninterezin.htm
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Niederland

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:12


Das "Unvorstellbare": Die Verfolgung der niederländischen Juden 1940-1945

Das tragische Schicksal der Anne Frank hat Millionen von Menschen auf der ganzen Welt berührt. Dennoch darf bezweifelt werden, dass den Lesern durch die Lektüre des Tagebuchs der Anne Frank die spezifisch niederländischen Umstände der Tragödie des Holocaust bewusst werden...
Von Rémy Limpach

Dabei lohnt sich vor allem wegen der höchsten jüdischen Deportationsquote in Westeuropa eine nähere Betrachtung dieser niederländischen Ausprägung der Judenvernichtung durchaus. Mehr als 110.000 der insgesamt 140.000 holländischen Juden wurden von der deutschen Besatzungsmacht deportiert, aus den Lagern in Osteuropa zurückgekehrt sind lediglich 6.000 Verschleppte. Von den 140.000 niederländischen Juden starben beinahe drei Viertel in den Konzentrationslagern in Deutschland und Osteuropa, womit die Niederlande die mit Abstand höchste Deportationsquote in ganz Westeuropa aufweist. Im Vergleich dazu lag die Verschleppungsquote in Belgien und Norwegen bei 40%, in Frankreich bei 25%, in Italien bei 20% und in Dänemark bei 2%.

Ohne Kriegserklärung überfielen deutsche Truppen im Mai 1940 die Niederlande. Dieser Angriff, die Bombardierung Rotterdams, die schwere Besatzungszeit sowie insbesondere die Vernichtung der Amsterdamer Juden sind Erfahrungen, die bis heute im Bewusstsein der Niederländer nachwirken. Ebenso spielt der Widerstand vieler Gruppen und Einzelpersonen gegen die deutsche Besatzung sowie der Hungerwinter 1944/45 nach wie vor eine wichtige Rolle im Bewusstsein der niederländischen Bevölkerung.

Die Verfolgung der Juden begann 1940 nach deutschem Vorbild mit der Entlassung der Juden aus dem öffentlichen Dienst, führte über die Registrierung sämtlicher Juden 1941 zur gesellschaftlichen Ächtung und zum Verbot, öffentliche Einrichtungen zu betreten. Im Sommer 1942 schliesslich begannen die Deportationen, bereits 1943 galten die Niederlande praktisch als "judenrein". Über das "polizeiliche Durchgangslager" Westerbork nahe der deutschen Grenze rollten die Züge in die Vernichtungslager. In den Niederlanden selbst starben vergleichsweise wenig Juden, ihre Ermordung fand in Deutschland und Osteuropa statt.

Die prozentual erschreckend hohe Zahl der deportierten Juden in den Niederlanden (rund 73 Prozent) erreicht osteuropäische Ausmasse und erzeugt bis heute heftige Diskussionen. Für die meisten Interessierten war und ist es "unvorstellbar", wie die Niederlande, ein für liberale und tolerante Traditionen bekanntes Land, eine derart hohe Deportationsquote erreichen konnten. Die vorliegende Studie geht deshalb auf rund 130 Seiten der zentralen Frage nach, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Ferner analysiert sie die besonderen Bedingungen, welche in den Niederlanden eine derart weit gehende Deportation der holländischen Juden erlaubten.

Die Hauptakteure beim "Unvorstellbaren" sind Deutsche, Juden und Niederländer. Zur Untersuchung der zentralen Fragestellung wird nach Vorbild von Raul Hilberg eine Gliederung der Akteure in Täter, Opfer und Zuschauer vorgenommen. Anhand dieser Struktur wird die Rolle der Täter (deutsche Besatzungsorgane, Beamte, Polizisten und niederländische Nationalsozialisten), der Opfer (Juden und Jüdischer Rat) und der Zuschauer (niederländische Bevölkerung und Institutionen) bei der Judendeportation untersucht. Um die besonderen niederländischen Umstände der Judenverfolgung noch klarer zu Tage treten zu lassen, beinhaltet die Lizentiatsarbeit zudem einen internationalen Vergleich.

Es befanden sich selbst unter den Juden – neben den unzähligen Opfern – vereinzelte Täter, sei es in Form von wenigen Spitzeln oder sei es in Gestalt der beiden Präsidenten des umstrittenen und sich ambivalent verhaltenden Jüdischen Rats. Dieser Jüdische Rat wurde von den Besatzungsbehörden gezielt instrumentalisiert und zur Kooperation bei antijüdischen Massnahmen gezwungen, seine Mitarbeit erleichterte die Verfolgung spürbar. Aus Angst vor Repressalien leistete das jüdische Führungsgremium keinen nennenswerten Widerstand oder Verzögerungsversuche gegen die mörderischen Pläne der Besatzer. Dennoch erbrachte der Jüdische Rat auch wertvolle Dienste für viele Juden – und seine Auflösung von innen oder aussen hätte die Deportationszahlen wohl nicht signifikant verringert.

Auch einige wenige deutsche Hilfeleistungen für Juden haben stattgefunden. Nicht alle Juden waren demnach Opfer und auch nicht alle Deutsche Täter, grossmehrheitlich jedoch schon. Die Einteilung der Niederländer in die Kategorie der Zuschauer ist dadurch begründet, dass die niederländische Bevölkerungsmehrheit der Judenverfolgung insgesamt weitgehend passiv gegenüberstand. Die Rolle der Niederländer, der "Zuschauer", birgt die grössten Handlungsspektren, da sie zwischen den Extrempolen Widerstand und Kollaboration teilweise sehr gegensätzliche Positionen einnahmen und diese zuweilen wechselten. Die grobe Kategorisierung in Täter, Opfer und Zuschauer ist insgesamt also nicht trennscharf, aber brauchbar und aus systematischen Gründen sinnvoll.

Eine einzelne Antwort auf die zentrale Frage nach den Gründen für die höchste Deportationsquote der Niederlande im westeuropäischen Vergleich zu geben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Klar ist nur, dass eine Reihe spezifisch niederländischer Umstände die deutschen Besatzungsbehörden bei ihrem Ziel der Judenverschleppung derart "erfolgreich" sein liessen. Die Studie listet im Fazit insgesamt 20 für die Juden negative Faktoren auf. Dabei war kein einzelner dieser 20 Faktoren alleine entscheidend, sondern vielmehr die Summe dieser sich negativ auf die niederländischen Juden auswirkenden Zusammenhänge.

Alle 20 für die niederländischen Juden negativen Umstände standen in einer bestimmten Relation, aber ihr Zusammenwirken genau zu entschlüsseln oder zu bewerten ist unmöglich. Dennoch können die wichtigsten Faktoren benannt werden: Die Macht und die Effizienz des zivilen deutschen Besatzungsregimes und seiner Organe, die unterwürfige und kooperative Haltung der niederländischen Verwaltung, Polizei und Eisenbahn, das Verantwortungsgefühl und Pflichtbewusstsein der Juden sowie ihr falscher Sinn für Sicherheit – basierend auf weit fortgeschrittener Assimilierung und anfangs behutsamen deutschen Besatzungspolitik im Rahmen der beabsichtigten "Nazifizierung" des "verirrten germanischen Brudervolks" (Hitler). Ferner war der Grad an Widerstand gegen die deutsche Besatzung und gegen die Judenverfolgung gering, die geistigen und politischen Eliten der Niederlande gingen nicht mit Hilfe oder Unterstützung der Juden voran, die Exilregierung verhielt sich diesbezüglich still und auch die Alliierten wollten vom Schicksal der Juden nichts wissen. Die holländische Bevölkerung sah – von wenigen Ausnahmen wie dem Februarstreik 1941 und beachtliche Hilfeleistungen beim Untertauchen abgesehen – der Verfolgung mehrheitlich passiv zu. Diese Gegebenheiten bilden zusammen die wichtigsten Gründe für das ungeheure Ausmass der Katastrophe. Kurz: Ein positiver Faktor für die Juden fehlte.

Das Fehlen eines positiven Faktors für die niederländischen Juden wird auch aus internationaler Perspektive ersichtlich. Norwegen beheimatete im Vergleich zu den Niederlanden zu wenig Juden, um eine grössere Aufmerksamkeit von den Verfolgern zu rechtfertigen. In Dänemark konnten die Besatzungsbehörden systembedingt erst sehr spät gegen die Juden vorgehen, welche dann in einer kollektiven Rettungsaktion nach Schweden fliehen konnten. In Belgien und Frankreich, den Ländern also, die am ehesten mit den Niederlanden verglichen werden können, fanden sich ebenfalls mehr günstige Faktoren für die Juden: Der Widerstand war bedeutender, die Topographie geeigneter und es boten sich wesentlich mehr Fluchtmöglichkeiten. Doch vor allem gingen die vom Dritten Reich installierten Militärverwaltungen in Belgien und Frankreich bei der Umsetzung von antijüdischen Massnahmen nicht derart effizient und motiviert vor wie die in den Niederlanden herrschende deutsche Zivilverwaltung. In den belgischen und französischen Besatzungs- oder Kollaborationsregimes fehlte auch der vergleichsweise starke Einfluss von SS und NSDAP. Insgesamt genoss die Judenverfolgung in Belgien und Frankreich bei den Verfolgern systembedingt keine derart hohe Priorität wie diejenige in den Niederlanden. Zudem waren die Transportwege von den Niederlanden in die Vernichtungslager nie unterbrochen, wie dies in Belgien und Frankreich monatelang der Fall war. Ferner erreichten die belgischen und französischen Bürokratien keinen derart hohen Organisationsgrad wie die niederländische Verwaltung. Sie waren somit für das Umsetzen der antijüdischen Massnahmen aus Sicht der Täter weniger "hilfreich".

Zusammenfassung Lizentiatsarbeit, eingereicht bei Prof. Dr. Stig Förster, Universität Bern (Herbst 2007), Kontakt zum Autor: remylimpach(at)hotmail.com




Hinweis von der Königin

Gestützt auf Tagebücher, Briefe, Manifeste, legale sowie illegale Presse schreibt der Historiker Ies Vuijsje in seinem Buch "Tegen beter weten in. Zelfsbedrog en ontkenning in de Nederlandse geschiedschrijving over de jodenverfolging" (Wider besseren Wissens. Selbstbetrug und Leugnung in der niederländischen Geschichtsschreibung über die Judenverfolgung), dass es bereits Ende 1942 Hinweise über den Mord an deportierten Juden gegeben habe.

De Jong aber habe diese Quellen ignoriert und nur solche benutzt, die den "Mythos des Nichtwissens" bestätigten, um das positive Bild der Holländer als Volk von Widerstandskämpfern nicht zu beschädigen. Dabei hatte Königin Beatrix vor dem israelischen Parlament schon vor elf Jahren gesagt, Landsleute, die sich für jüdische Mitbürger eingesetzt hätten, seien die "Ausnahme" gewesen.
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Finnland

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:18



Wie sahen denn die Beziehungen zwischen den Deutschen und den jüdischen Soldaten der finnischen Armee aus?

Zunächst möchte ich sagen, dass wir für die Unabhängigkeit Finnlands gekämpft haben, denn hätten Deutschland oder die UdSSR den Krieg gewonnen, hätte die gesamte jüdische Gemeinschaft unseres Landes unter den dramatischen Folgen gelitten. Mit dieser schrecklichen Gefahr vor Augen zogen wir in den Kampf. Andererseits waren wir nichts anderes als Soldaten der finnischen Armee, die wie alle anderen Bürger ihres Alters eingezogen worden waren und ihr Land verteidigten; welches ja nie von den Deutschen besetzt wurde. Die Deutschen waren zwar präsent, aber als Alliierte, was einen grossen Unterschied machte. Wir hatten Kontakte zu ihnen, aber diese beschränkten sich auf das strikte Minimum. Die finnische Armeeleitung war sich der Situation durchaus bewusst. Im gemeinsamen Hauptquartier arbeitete ein Jude direkt für Marschall Mannerheim, doch die Deutschen wussten gar nicht, dass er Jude war. Sobald die Arbeit erledigt und die Befehle ausgeführt waren, war er ausserdem in keiner Weise verpflichtet privaten Umgang mit ihnen zu pflegen. Ich persönlich habe nie einen deutschen Soldaten oder Offizier gegrüsst. Unter den Tausenden von Anekdoten sticht eine besonders hervor und veranschaulicht sehr gut unsere Beziehung zu den Deutschen. Der Bataillonshauptmann Salomon Klass erhielt vom Hauptquartier den Befehlt zu einer militärischen Operation, um eine von den Russen eingekesselte deutsche Infanterieeinheit zu befreien. Als guter Soldat führte er den Auftrag aus und es gelang ihm, die Männer zu retten. Einige Zeit später, als er wieder in seinem Zelt sass, meldeten sich zwei Armeeangehörige bei ihm; es handelte sich ihm zwei hohe deutsche Offiziere. Salomon Klass stand nicht auf und grüsste auch nicht. Er fragte sie nach dem Grund ihres Besuchs und sie antworteten ihm: "Wir sind im Namen des Führers hier, um ihnen für Ihre Intervention zu danken und Sie in seinem Auftrag mit dem Orden des Silbernen Kreuzes auszuzeichnen." Da stand Hauptmann Klass auf und erwiderte ihnen: "Ich bin Jude und Soldat der finnischen Armee. Nie im Leben werde ich einen Orden annehmen oder tragen, der mir von Hitler verliehen wurde." Die zwei Deutschen schlugen die Hacken zusammen, machten den Hitlergruss und gingen. Ich kenne zwei andere, ähnliche Fälle, wo ein jüdischer Arzt, Chef eines Militärspitals, und eine jüdische Krankenschwester deutsche Auszeichnungen mit der Begründung ablehnten, sie seien Juden.
Es war uns bekannt, dass die Deutschen eine Liste mit allen in Finnland lebenden Juden besassen, den der Polizeichef von Helsinki war ein überzeugter Sympathisant der Nazis. Doch wir wussten auch, dass den Juden, solange wir in der Armee dienten, nichts zustossen würde. Gemäss einigen Quellen soll Himmler, der sich oft nach Helsinki begab, das Thema der Auslieferung der finnischen Juden an die Nazis erwähnt haben, und Marschall Mannerheim habe geantwortet: "Wir haben hier kein Judenproblem. Es sind finnische Staatsbürger, die der Armee angehören. Solange ein Jude dieselbe graue Uniform trägt wie ich, rühren Sie keinen einzigen Juden meines Landes an." Im Grunde hat er uns das Leben gerettet.
Anlässlich einer Feier, die am 6. Dezember 1944 in der Synagoge von Helsinki stattfand, wurde Marschall Mannerheim geehrt und einer der Würdenträger dankte ihm für die Entschlossenheit, die er in einem Moment an den Tag gelegt hatte, der für die Juden in Finnland tragisch Folgen hätte haben können. Der Marschall antwortete nur: "Ich habe nicht mehr getan als jeder andere Mensch auch, der über einen echten Sinn für Gerechtigkeit verfügt."

Die Geschichte des finnischen Judentums während der Schoah ist einzigartig. Die jüdischen Soldaten, die gezwungenermassen Seite an Seite mit den Deutschen kämpften, waren sich der Besonderheit und des Widerspruchs ihrer Lage wohl bewusst. Sie hatten einfach das Gefühl, ihre Pflicht als Juden und als Finnen zu erfüllen. Während dieser gesamten schwierigen Zeit haben sie auch im Kampf ihre jüdischen Identität stolz zur Schau getragen.

"Die Erinnerung an den Krieg ist hier eine heilige Angelegenheit", sagt Hentilä. Das weiß auch Väino Linna: Sein sozialkritischer Roman "Der unbekannte Soldat" (1954) ist eines der meistverkauften finnische Bücher. Bis zur Jahrtausendwende war es allerdings nur in der zensierten Variante zu haben – die Kritik an der finnischen Kriegsführung und am Idealismus passte nichts in Selbst-Bewusstsein der Finnen.
Umso tiefer trafen mehrere Enthüllungen über die Verstrickung Finnlands in NS-Untaten. Zunächst deckte die Sozialwissenschaftlerin Elina Sana auf, dass ihr Land während des Krieges tausende sowjetische Kriegsgefangene nach Deutschland deportiert hatte, außerdem über hundert Zivilisten, darunter 70 Juden. Ein Schock.

Dann legte der Oula Silvennoinen im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts seine Studie "Heimliche Waffenbrüder" vor. Das Buch dokumentiert das grausame Wirken des "Einsatzkommandos Finnland" sowie Massenexekutionen jüdischer und sowjetischer Kriegsgefangener in Nordkarelien.
Silvennoinen wusste sofort, dass es eine Sensation war, die er in den Händen hielt, als er im Frühjahr 2006 das Finnische Nationalarchiv in Helsinki durchforstete. Darauf war vermerkt, dass ein finnischer Übersetzer nach seinem Dienst im "Einsatzkommando der Sicherheitspolizei" Kleidungstücke der Verteidigungskräfte zurückgegeben habe.

Nazis kooperierten mit der finnischen Staatspolizei

Die Einsatzkommandos gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Nazi-Zeit; an der Ostfront ermordeten sie hunderttausende Juden. Zwar stand im Sommer 1941 die ganze Nordfront von Kainuu bis zum Arktischen Ozean unter deutschem Kommando, doch von einem Einsatzkommando war bis dahin nichts bekannt. Erst mehr als sechzig Jahre später kam heraus: "Das Einsatzkommando Finnland (EK) wurde gegründet, um ideologisch und rassisch minderwertige Individuen auszumerzen", fasste die Zeitung Iltalehti die neuen Erkenntnisse zusammen.
Unterstützung bekam das EK von der rechtsextrem orientierten finnischen Staatspolizei Valpo mit dem Nazisympathisanten Arno Anthoni an der Spitze. Kommunisten, Partisanen und Juden wurden für Massenexekutionen aussortiert. Die genaue Zahl der Opfer bleibt im Dunkeln, allein die Sammelgräber lassen das Ausmaß des Grauens erahnen.
Gab es den in Finnland erinnerten "eigenständigen Krieg" wirklich? Oder müssen die Beziehungen zu Hitler-Deutschland neu aufgerollt werden? Silvennoinen wußte, wie gnadenlos die Deutschen ihre Kriegsgefangenen im Norden der Ostfront behandelten. Deshalb rückte die Notiz Finnland tiefer in den Dunstkreis der Nazis als je ein Archivfund zuvor.
Silvennoinen fand außerdem Informationen zu zwölf Finnen, die von der Staatspolizei Valpo zum EK abgeordnet waren. Erschütternd liest sich ebenfalls ein Bericht von Valpo-Chef Anthonis über ein Treffen in Helsinki im Juni 1941. Er aß mit seinem Stellvertreter Bruno Aaltonen und dem SS-Offizier Gustav vom Felde im Kämppi Hotel. Aaltonen stand auf und ging zu Sozialminister Karl-August Fagerholm, der auch dort aß. Zurück am Tisch sagte er: "Dieser Sozialdemokrat gehört doch in ein KZ."
Silvennoinens Funde werfen ein neues Licht auf die Doktrin vom "eigenständigen Krieg", die noch vor vier Jahren die finnische Präsidentin Tarja Halonen in einer Rede beschworen hatte: "Für uns war der Krieg ein gesonderter Krieg gegen die Sowjetunion." Das stimmt nach den neuen Forschungen mit Sicherheit nicht. Bleibt die Frage: Warum paktierten die Finnen mit den Nazis?

Nur Deutschland blieb als Verbündeter

Als Ende der dreißiger Jahre die Spannungen in Europa immer stärker wurden, war Finnland gerade einmal 20 Jahre unabhängig. Das kleine Land mit dem übermächtigen Nachbarn Sowjetunion suchte Sicherheit bei den Westmächten, doch die Unterstützung blieb aus. Nach dem desaströsen Ergebnis des Winterkriegs 1939/40 blieb nur noch Deutschland als Verbündeter.
Mit dem Titel "Heimliche Waffenbrüder" spielt Silvennoinens Studie darauf an, dass nur wenige Finnen von der Kooperation mit der SS wussten. Die Valpo arbeitete eng mit lokalen Staatsbehörden unter deutschem Kommando zusammen. Silvennoinen glaubt, dass die Valpo in Abstimmung mit dem Innenministerium handelte. Es gibt aber keine zuverlässige Zahl, wie viele Gefangenen das EK hinrichtete. Es ist nicht einmal klar, wie viele Gefangene die Deutschen hatten, Schätzungen gehen von 8000 bis 9000 aus. Einige Valpo-Männer waren an den Hinrichtungen beteiligt, auch wenn die Deutschen den Großteil der Mordarbeit verrichteten.

Die Kooperation von Finnland und Deutschland begann zu bröckeln, als die deutsche Offensive im Norden stockte. Ende 1942 wurde das EK aufgelöst, nach Stalingrad wechselte die Regierung in Finnland und wurden die antisemitischen Führer der Valpo ersetzt.

Weitere Untersuchungen zur Verstrickung finnischer Politiker in NS-Verbrechen stehen aus – zu mühselig erschien das Vorhaben bislang, wurden am Kriegsende doch viele Dokumente beseitigt. Aber Silvennoinen ist zuversichtlich: "Man weiß nie, was man findet, wenn man erst anfängt zu graben."
So wie der Historiker Lars Westerlund. Er beschäftigt sich mit einem anderen grausamen Kapitel der finnischen Geschichte, das bisher nur in Fußnoten existierte: den Kriegsgefangenen in Wehrmachtslagern auf finnischem Boden. Rund hundert Lager betrieben die Deutschen zwischen 1941 und 1944 auf finnischem Boden. Die knapp 30.000 Gefangenen mussten in Erdlöchern schlafen, bestenfalls in notdürftig aus Pappe und Sperrholz errichteten Jurten oder in Zelten. Ein Drittel wurde hingerichtet, starb an Hunger oder Seuchen; im rauen Winter 1941/42 war es besonders schlimm.

Ohne die meist sowjetischen Gefangenen hätte die 200.000 Mann starke deutsche Nordarmee kaum einen Tag kämpfen können. Als Zwangsarbeiter hackten sie Brennholz, heizten die Baracken, räumten den Schnee, setzten Häfen und Flughäfen instand oder wurden für Forst- und Gleisarbeiten eingespannt, oft im Auftrag der "Organisation Todt".

Die Forschung kommt voran. Und doch: "Die teils hitzigen Reaktionen auf die Studien zeigen, dass die Aufarbeitung noch in den Kinderschuhen steckt", meint Hentilä. "Wir sind nicht schlechter als die anderen. Aber warum sollten wir besser sein?"

Weiteres von Europa:
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Ungarn

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:22


Ein Buch über den Mord an den ungarischen Juden 1944

Von Guido Spruegel


In der internationalen Erforschung der Shoah wurde ein europäisches Land bislang häufig ausgeklammert: Ungarn. Neben der schwierigen Quellenlage war dafür ausschlaggebend, dass die Entscheidungsprozesse für die Vernichtung der europäischen Juden spätestens mit der Wannseekonferenz im Jahre 1942 abgeschlossen waren. Die Vernichtung der ungarischen Juden begann dagegen erst im Jahre 1944. Umso erfreulicher ist es, dass Goetz Aly und Christian Gerlach mit ihrer Studie "Das letzte Kapitel" umfangreich das Schicksal der ungarischen Juden darlegen und mit neuem Quellenmaterial versuchen, die multikausalen Gründe für eines der letzten Kapitel der Shoah zu erklären. 

Ungarn nahm zwischen 1933-1945 eine besondere Haltung gegenüber dem faschistischen Deutschland ein. Bereits sehr früh band es sich unter dem Reichsverweser Horthy an den mächtigen Nachbarn.
Die Annäherung vollzog sich mit rasanter Geschwindigkeit und erreichte mit der offenen Unterstützung des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion 1941 einen vorläufigen Höhepunkt.
Als Ungarn sich jedoch Anfang 1944 anschickte auszuscheren, besetzte die deutsche Wehrmacht am 19. März das Land. 
Mit der Wehrmacht kam der Stab von Adolf Eichmann nach Budapest, der kurz vor dem absehbaren Ende des Zweiten Weltkrieges zusammen mit ungarischen Stellen planvoll und effizient die bis dahin physisch weitgehend unbehelligt lebenden ungarischen Juden deportierte und ermordete.
Mehr als 400000 ungarische Juden wurden im Zeitraum von März bis Juli 1944 in Ghettos zusammengepfercht, deportiert und zum grössten Teil in Auschwitz ermordet.

Warum fielen kurz vor dem Ende des faschistischen Deutschland so viele Juden der Shoah zum Opfer?

Handelte es sich um eine Vernichtung um der Vernichtung willen, die dem eliminatorischen Antisemitismus der deutschen Besatzer entsprach? 

Aly und Gerlach verneinen das und zeigen die multikausalen Ursachen auf, die zur Ermordung der ungarischen Juden führten. Die unglaubliche Geschwindigkeit der Ghettoisierung, Deportation und Ermordung resultierte nach ihrer Ansicht einer verheerenden Verknüpfung von deutschem und ungarischem Antisemitismus, aber auch aus der "Umverteilung von kriegswichtigen Ressourcen", d. h. es ging um die Versorgung der kriegsmüden ungarischen Bevölkerung mit Gebrauchsgütern und die Stabilisierung der ungarischen Währung, dem Pengoe. Diese Verknüpfungen wurden bislang nicht erforscht. 
Aly und Gerlach haben umfassendes Dokumentenmaterial gesichtet und so zum ersten Mal auch die Finanzierung der Kriegs- und Besatzungskosten analysiert. Sie zeichnen ein sehr komplexes Bild der Judenverfolgung in Ungarn, wobei die Materialmenge manchmal zu Unübersichtlichkeit führt. Die Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung Ungarns radikalisierten sich im Verlauf kurzer Zeit. Diese Periode war weitaus kürzer als in vorangegangenen Phasen der Shoah, verlief in Ungarn in atemberaubendem Tempo. Die Autoren beschreiben diese Radikalisierung akribisch und werten dabei des Öfteren bislang unbeachtete Dokumente aus.
Überhaupt besticht die Studie von Aly und Gerlach durch ihre gute Quellenbasis und das Bemühen, sie zu sortieren. Leider bleibt es noch allzuoft beim Bemühen. Die Autoren sind sich dessen auch bewusst. Neben den ungarischen analysieren sie immer auch die deutschen Interessen an der Vernichtung und zeigen auf, dass die Vernichtung nicht im Widerspruch zur deutschen Kriegsführung stand. Zwar wurde eine große Anzahl kriegswichtiger Züge zur Deportation verwendet, das enteignete jüdische Vermögen und die Habseligkeiten der Deportierten wogen das jedoch mehr als auf. Die Umverteilung des jüdischen Eigentums diente somit unmittelbar einer kurzfristigen Verbesserung der Kriegslage. Ein siegreicher Krieg schien der ungarischen Regierung ein Garant für die Sicherheit der neuen, durch den Krieg und den Einfluss Deutschlands entstandenen Grenzen zu sein. Schließlich hatte Ungarn sein Territorium zwischen 1938-1941 beinahe verdoppelt. 
Der Studie fehlen die Stringenz und der rote Faden. Aly und Gerlach bleiben oft nicht bei einem Themenaspekt, sondern springen von Kapitel zu Kapitel, so dass eine Orientierung schwerfällt. Beim Leser bleibt nach der Lektüre eine leichte Verwirrung zurück – die Ordnung des Textes muss man schon selbst gedanklich herstellen.

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Polen

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:24



In Polen trieben die deutschen Besatzer schon kurz nach dem Einmarsch die jüdische Bevölkerung in Ghettos der größeren Städte, aber auch in Dörfer zusammen.

Ihr Zweck bestand in der Konzentrierung und Ausbeutung der Juden.

Ab Dezember 1939 mussten alle Juden im besetzten polnischen "Generalgouvernement" zur Kennzeichnung eine weiße Armbinde mit dem blauen Davidstern tragen. In den Ghettos ernannten die Besatzer Judenräte, welche die deutschen Befehle zusammen mit der jüdischen Ghettopolizei umzusetzen hatten und die für die Verwaltung der Zwangsquartiere zuständig waren. Die Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern löste bei Mitgliedern von Judenräten häufig schwerste Gewissenskonflikte aus.

In Warschau, der Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde Europas, fassten die Deutschen im November 1940 mehr als 350.000 Juden auf knapp 70, von anderen Stadtteilen durch hohe Mauern abgetrennte Straßenzüge zusammen und ließen sie - wie in anderen Ghettos - Zwangsarbeit verrichten. Die Arbeitskräfte für die Bewachung des Warschauer Ghettos wurden aus der nichtjüdischen, teils stark antisemitisch eingestellten Bevölkerung Warschaus rekrutiert. Infolge der völlig unzureichenden Versorgung und der schlechten hygienischen Verhätnisse starben täglich Hunderte, besonders Kinder und alte Menschen, an Hunger, Krankheiten und den im Ghetto grassierenden Epedemien. Ähnlich katastrophal waren die Zustände in den anderen Ghettos. In Lodz/Litzmannstadt riegelten die Besatzer im Frühjahr 1940 mit Stacheldraht einen Ghettobezirk ab. Den rund 164.000 Bewohnern standen 48.000 Räume zur Verfügung. Die Anzahl der Ghettobewohner stieg infolge von Deportationen aus Deutschland, Wien, Prag, Luxemburg und dem Warthegau 1941/42 auf über 200.000 Menschen. In der Stadt Krakau, traditionelles Zentrum polnisch-jüdischer Kultur und Intelligenz, begann im März 1940 die Errichtung eines mit Mauer- und Stacheldrahtsperren abgeriegelten Ghettos. Ghettobewohnern war grundsätzlich verboten, das Ghetto unerlaubt zu verlassen, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen oder an die Absperrungen heranzutreten. Auf unbefugtes Verlassen der Ghettos oder auf das Schmuggeln dringend benötigter Lebens- und Arzneimittel stand die Todesstrafe.

Im Frühjahr 1942 begannen im Rahmen des NS-Völkermords die Deportationen von Juden in die Vernichtungslager. Die Ghettobewohner aus Warschau wurden ab Juli 1942 vor allem in das nahegelegene Lager Treblinka deportiert. Der Warschauer Judenrat musste täglich 6.000 Menschen für die Transporte zusammenstellen. Auch die Arbeiter in den Ghettobetrieben, die für die deutsche Rüstung tätig waren, blieben nun nicht mehr verschont. Anfang 1943, nachdem über 300.000 Ghettobewohner in Viehwaggons deportiert worden waren, unternahm die jüdische Widerstandsbewegung am 19. April 1943 im Warschauer Ghetto einen Aufstandsversuch. Während der rund vier Wochen dauernden Kämpfe wurden mehr als 56 000 Juden von SS- und Polizeieinheiten ermordet oder in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert, das Ghetto wurde dem Erdboden gleichgemacht. Bereits im März 1943 war das Krakauer Ghetto aufgelöst und die letzten Bewohner nach Auschwitz deportiert worden. Das Ghetto Lodz/Litzmannstadt bestand bis zur Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der Befehl zur Liquidation des Ghettos erfolgte im August 1944: Über 60.000 Bewohner wurden nach Auschwitz gebracht.

Wie im okkupierten Polen, so wurden auch in den besetzten Gebieten der Sowjetunion viele Juden vor ihrer Ermordung in Ghettos konzentriert, andere fielen den "Einsatzgruppen" sofort zum Opfer. Das Ghetto Theresienstadt in Nordböhmen hatte eine Sonderfunktion. Ursprünglich sollte es als "Alters- und Vorzeigeghetto" neben älteren Juden auch jüdische Kriegsveteranen und "prominente" Juden wie Leo Baeck aufnehmen. Ab Juli 1942 wurden rund 140.000 vor allem tschechische, deutsche und österreichische Juden nach Theresienstadt deportiert. Mit der Inbetriebnahme der Gaskammern in Auschwitz-Birkenau entwickelte sich wie die anderen Ghettos aber auch Theresienstadt ab 1942 immer mehr zu einer Durchgangsstation in die Vernichtungslager.

http://www.hagalil.com/galluth/polen.htm
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Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:30


Ungarn

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten in Ungarn etwa 500.000 Juden. Eine antisemitische Gesetzgebung gab es in Ungarn schon vor Kriegsausbruch, und ab 1939 wurden zigtausend jüdische Männer zu Zwangsarbeits-Kompanien eingezogen, wo in Folge der dort herrschenden Bedingungen 42.000 Menschen umkamen.
Die faschistischen Kreise in Ungarn genossen breite Unterstützung durch die ungarische Bevölkerung und die Regierung des Diktators Miklos Horthy schloss ein Bündnis mit Nazi-Deutschland. Mit Ungarns Eintritt in den Krieg gegen die Sowjetunion wurden etwa 18.000 Juden polnischer oder russischer Staatsangehörigkeit nach Kamenets-Podolski deportiert und dort ermordet. In Ungarn selbst begann die Vernichtung der Juden erst nach seiner Besetzung durch die Nationalsozialisten im März 1944. Davor hatte sich Horthy geweigert, Hitlers Druck nachzugeben und die Juden auszuliefern.

In Folge der Annexion von Gebieten der Slowakei, Rumäniens und Jugoslawiens an Ungarn, lebten in dieser Phase ungefähr 800.000 Juden in Ungarn.

Rumänien

Ungefähr 757.000 Juden lebten seit 1937 in Rumänien, wo von jeher extreme antisemitische Tendenzen verbreitet waren. Diese Tendenzen verstärkten sich am Vorabend des Kriegsausbruchs und führten zum Beschluss antisemitischer Gesetze, die schrittweise den Großteil der rumänischen Juden ihrer Bürgerrechte und ihres Eigentums beraubten. Im Sommer 1940, nachdem Rumänien gezwungen war, zugunsten der Sowjetunion auf Bessarabien und den Norden der Bukowina zu verzichten, wurden hunderte Juden in Nord-Rumänien von der rumänischen Armee und rumänischen Dorfbewohnern ermordet.

Bulgarien

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten in Bulgarien etwa 50.000 Juden. Der Staat führte Anfang 1941 Gesetze ein, die den Juden ihre Bürgerrechte aberkannten, Eheschließungen mit Bulgaren verboten, zu ihrer Entlassung aus öffentlichen Ämtern führten und sie aus Bildungseinrichtungen und Institutionen der höheren Bildung entfernten. Die Juden wurden gezwungen einen Davidstern zu tragen und mit ihm ihre Wohnungen zu kennzeichnen. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt, ihre wirtschaftliche Aktivität beschränkt und alle jüdischen Männer im Alter zwischen 20 und 42 Jahren wurden zu Zwangsarbeit eingezogen.

Jugoslawien

Bei der Eroberung Jugoslawiens im April 1941 lebten dort etwa 80.000 Juden. Jugoslawien wurde zwischen Deutschland, Ungarn, Italien und Bulgarien aufgeteilt. In Kroatien und Bosnien-Herzegowina wurde der „Unabhängige Staat Kroatien“ gegründet, unter dem faschistischen Anführer Ante Pavelic, der an der Spitze der Ustasa-Partei stand. Pavelic' Regime regierte unter Hitlers Patronat und erließ antisemitische Gesetze und Verordnungen. 

Griechenland

Bei der Eroberung Griechenlands durch die Deutschen im Mai 1941 lebten dort etwa 77.000 Juden. Griechenland wurde in drei Besatzungszonen aufgeteilt: eine bulgarische Besatzungszone, eine deutsche Besatzungszone, die Saloniki einschloss, und eine italienische Besatzungszone mit den Gebieten Zentral-Griechenlands, einschließlich der Hauptstadt Athen und der Halbinsel Peleponnes. Die Deutschen beraubten Griechenland seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse und stürzten Griechenland somit in eine schwere Hungersnot. Am 11. Juli 1942 wurden in Saloniki  9.000 jüdische Männer im Alter zwischen 18 und 45 öffentlich misshandelt und danach zur Zwangsarbeit verschleppt, wo viele von ihnen umkamen. Die Juden mussten ein hohes Lösegeld zahlen und der jüdische Friedhof der Stadt wurde zerstört, dessen Grundstück an die Stadtverwaltung verkauft und der Erlös des Verkaufs den Deutschen übergeben.

Weitere Links:


http://www1.yadvashem.org/yv/de/holocaust/about/09/europe.asp /Europa

http://www.ifz-muenchen.de/354.html

http://www.hagalil.com/deutschland/ost/judentum/nsverfolgung.htm /Ost

http://geschichtsverein-koengen.de/Judenverfolgung.htm /Niederlande

http://kiwithek.kidsweb.at/index.php/Der_2._Weltkrieg

Hüter eines geplünderten Schatzes:

Tschechische und deutsche Juden
 in Prag lebten sie in einer einzigartigen Mischung zusammen, bis die Nazis alles zerstörten. Nur wenige kennen diese blühende Ära noch aus eigenem Erleben. Sie wollen das Erbe nicht nur vor dem Vergessen retten, sondern heute politisch nutzbar machen…



Tagebuch aus Theresienstadt: 
Langsam gewöhnen wir uns an das Ghettoleben..

Vom 01.Januar 1941 bis zum 05. Mai 1945 hat Eva Mändl-Roubičková Tagebuch geführt, zunächst in Prag, wohin sie mit Mutter und Großmutter 1938 vor der Pogromstimmung im nordböhmischen Saaz (Žatec) flieht, bis zu ihrem Abtransport nach Theresienstadt am 17. Dezember 1941, danach dort mit wenigen Unterbrechungen bis zur Auflösung des Ghettos 1945…

http://buecher.hagalil.com/2009/04/theresienstadt/
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JUGOSLAWIEN - KROATIEN - SERBIEN

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 19:35

JUGOSLAWIEN - KROATIEN - SERBIEN

Von Chaim Frank

In gesamten Territorium Jugoslawien konnten die Juden seit dem 3. Jahrhundert über viele Jahrhunderte hinweg fast unbeschadet leben. Ab 1456 wurde der Aufenthalt der Juden in Kroatien und Slowenien verboten, wo sie sich erst im 18. Jahrhundert wieder niederlassen durften. Nach der Emanzipation der Juden im k&k-Imperium, etwa ab 1873, verbesserte sich auch auf dem Balkan ihre Lebenssituation.
1931 bei einer Volkszählung wurden etwa 77.000 Juden in 121 Gemeinden ermittelt. Ihre Zentren waren Belgrad (11.000), Zagreb (11.000), Sarajevo (10.000), sowie Osijek, Bjelovar, Skopje, Novi-Sad u.a. Antisemitismus wurde primär von national-klerikalen Katholiken (in Kroatien) und pro-faschistische Gruppen, wie z.B. die Zbor-Partei propagiert.
Unter Einfluss und Druck der Deutschen auf Jugoslawien verabschiedete die jugoslawische Regierung im Oktober 1940 eine Art "Juden-Gesetzgebung": die Zulassung der Juden auf Höheren Schulen und Universitäten wurde beschränkt und der Handel mit gewissen Lebensmittel wurde verboten. Beide Gesetze wurden jedoch von der serbischen Öffentlichkeit scharf kritisiert und mit einer öffentlichen Kampagne bekämpft.
Mit der Okkupation durch die deutsche Militärverwaltung begannen Verschleppung und Ermordung der serbischen Juden: Ab Juni 1941 wurden die Juden gezielt aus Serbien, Kroatien und ab 1942 aus Mazedonien und Backa deportiert. Z.B. in Topovske Supe, Sabac, und Jasenovac wurden Konzentrationslager errichtet. Insgesamt kamen etwa 66.000 jugoslawische Juden (83%) um. Die Zahl der Menschen - es waren vor allem Serben und Juden - die zwischen 1941 und 1945 dem Ustascha-Terror unter ihrem Führer Ante Pavelic zum Opfer fielen, wird auf 800.000 geschätzt.
Unter Tito lebten die Juden mehr oder weniger ruhig in Jugoslawien; erst in den 90er Jahren und durch die Ethnisierung diverser Konflikte gerieten sie zunehmend wieder in die Schusslinien. Die nationalistisch geprägten Unabhängigkeitsbestrebungen der einzelnen Länder des ehemaligen Jugoslawien, vorrangig Kroatien und im Kosovo (vgl. à Albanien), brachte auch einen neuen Antisemitismus mit sich.
Kroatien
1992 führte der kroatische Präsident, Franjo Tudjman aus: "Juden rufen Neid und Hass hervor, sind stets das Opfer sowohl ihrer eigenen als auch fremder Ansprüche." Seine antijüdische Haltung gab Tudjman bereits in früheren Jahren kund, wo er unter anderem in einem Wahlkampf nicht nur einmal erklärte: "Ich bin so glücklich, nicht mit einer Serbin oder Jüdin verheiratet zu sein". In seinem 1991 erschienen Buch "Irrwege - Abhandlung über die Geschichte des Bösen" griff Tudjman unter anderem die Frage auf, ob tatsächlich sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkrieges in Europa ihr Leben ließen und kam zum Schluss: diese Zahlen seien "emotional übertrieben". Das kroatische KZ Jasenovac betreffend, meinte er, "... dort seien höchstens 30.000 bis 40.000 Menschen ums Leben gekommen, die offiziellen Angaben von mindestens 300.000 Toten seien eine Lüge".
Tudjman, von Beruf Historiker, beschrieb in diesem Buch, der Genozid sei für das jüdische Volk ein "natürliches Phänomen, das schon von Gott Jehova nahegelegt wird, wenn es der Wiedererrichtung des Königreiches des auserwählten Volkes dient". An anderer Stelle ist zu lesen: "Juden rufen Neid und Hass hervor, sind stets das Opfer sowohl ihrer eigenen als auch fremder Ansprüche. Doch wer versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass sie selbst die Quelle ihrer jüdischen Tragödie sind, ruft den Hass des Judentums hervor."
Auf journalistische Fragen, warum der kroatische Präsident es nötig habe, sich in derartigen Gedanken zu ergießen, resümierte der seinerzeitige Außenminister von Kroatien, Zvonimir Separovic: "Die serbische Lobby in der Welt ist gefährlich, da sie mit jüdischen Organisationen zusammenarbeitet."
Während der nationalen Auseinandersetzungen setzte das offizielle Serbien in seiner Propaganda wiederum alles daran, die Regierung Tudjmans lediglich als "faschistisch" hinzustellen um so den eigenen Angriffskrieg gegen Kroatien zu rechtfertigen. Die Sympathie der Juden im ehemaligen Jugoslawien lag jedoch nicht stets auf der Seite der Serben: von etwa 6.000 serbischen Juden sind - laut Angaben der jüdischen Gemeinde Belgrads - seit Ausbruch des kroatischen Krieges rund 1.800 nach Israel ausgewandert. Der Grund dafür war die Angst vor den serbischen Tschetniks.
Tschetniks in Serbien
Der bekannteste noch lebende Tschetnik-Führer aus dem Zweiten Weltkrieg, Momcila Djuic, kürte im Sommer 1991 aus seinem kalifornischen Exil den bekannten Freischärlerführer Vojislav Seselj zum neuen "Vojvod" (Feldherrn) und gab ihm den Rat, alle "Kroaten, Albaner und andere Elemente aus dem heiligen serbischen Land zu vertreiben". Djuic, den die US-Administration seinerzeit loswerden wollte, sagte, ehe er in seine Heimat zurückkehrte in einer Rede in einem serbischen Exilsender, Seselj solle "Serbien von den letzten Juden, Albanern und Kroaten säubern und unser heiliges Serbien zu einer neuen Blüte erwecken."
Ähnliche Gedanken ließen sich auch in Belgrader Medien finden, wie in den Massenblättern "Duga" und "Intervju", denen zufolge das Nachkriegsjugoslawien durch eine Verschwörung der kommunistischen Kommintern und "jüdisch-freimaurerischen Logen" zum Nachteil des serbischen Volkes ins Leben gerufen worden sei.
Anfang 2001 tauchten in Belgrad Flugblätter mit Hakenkreuzen auf. Zwar entschuldigte sich der jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica am 14. Februar in aller Öffentlichkeit bei den jugoslawischen Juden und Roma für die rassistischen und antisemitischen Auswüchse in Belgrad, aber erst, nachdem jüdische und Roma-Organisationen gemeinsam über die freie Serbische Medienanstalt ANEM protestiert hatten. Es gebe - so Kostunica in seiner Erklärung - leider weiterhin Einzelpersonen, welche die eben begonnene Demokratisierung in Serbien "beschmutzen" möchten.
Am 13. Februar und den vorgehenden Tagen hatten am Sitz der Belgrader jüdischen Gemeinde, an der Synagoge und am jüdischen Friedhof, sowie am Portal zu einer Ausstellung über die Roma von Belgrad unbekannte Täter etliche Flugblätter geklebt, auf denen Hakenkreuze und in englischer Aufschrift: "Juden hassen deine Redefreiheit" zu finden waren. Außerdem waren Häuserfassaden der Belgrader Innenstadt mit Swastika (russ. Hakenkreuze) beschmiert.
Wenige Monate später protestierte der unabhängige serbische Medienverband (ANEM) gemeinsam mit anderen vor allem gegen den Verkauf von antisemitischen Publikationen in etlichen Belgrader Buchhandlungen. Sie appellierten an die Regierung, endlich den Kampf "gegen den neu erwachten Antisemitismus aufzunehmen."

Während der ethnischen Konflikte und Kriege verließen etliche Juden das Land in Richtung Israel.


Holocaustforschung in Südosteuropa

Jonglieren mit Opferzahlen

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Jugoslawien begann die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren zu laufen. Die Aufarbeitung dieser Zeit wurde lange verhindert. Heute jonglieren nationalistische Politiker mit Opferzahlen.
Judenvernichtung, Bürgerkrieg und den Widerstand der Tito-Partisanen entfachte der Zweite Weltkrieg im Königreich Jugoslawien. Die Geschichtsschreibung, die nach Kriegsende betrieben wurde, bezeichnen Historiker heute als "Geschichtsrevision".

Eine vollständige Aufarbeitung des Holocaust verhinderte zunächst das sozialistische Regime unter Tito. Im Vorfeld des jüngsten Balkankonflikts jonglierten nationalistische Politiker mit Opferzahlen und Täterrollen.

An der Stelle des von den Ustascha geführten KZ Jasenovac wurde ein Gedenkfriedhof mit einem Denkmal in Form einer Blume errichtet.
Nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie
Das Königreich Jugoslawien konnte sich zunächst knappe zwei Jahre lang aus den Kriegswirren heraushalten, bis es im Frühjahr 1941 von der Deutschen Wehrmacht und ihren Verbündeten überfallen wurde.

Die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie begann sofort nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Jugoslawien auf Hochtouren zu laufen. "Serbien war - nach Estland - das zweite Land unter nationalsozialistischer Herrschaft, aus dem es hieß, dass es 'judenfrei' sei, und auf kroatischem Gebiet wurden noch im ersten Besatzungsmonat Konzentrationslager errichtet", sagt der Politikwissenschaftler Walter Manoschek, Vorstand am Institut für Staatswissenschaft an der Universität Wien.
Kollaborierende Regime
Bereits vier Tage nach dem deutschen Überfall auf Jugoslawien proklamierten Hitler, Mussolini und die faschistische, kollaborierende Ustascha-Bewegung unter der Führung von Ante Pavelic die "Nezavisna drzava Hrvatska", kurz NDH. Der "Unabhängige Staat Kroatien" umfasste auch Bosnien Herzegovina. Wie Hitler ein "judenfreies" Europa anstrebte, so strebte Pavelic ein "serbenfreies" Großkroatien an.

Auf dem Gebiet des NDH-Staates wurde das größte Konzentrationslager des Balkans errichtet - das KZ Jasenovac. Walter Manoschek: "Das Ustascha-Regime ist unabhängig von den Deutschen gegen jüdische, serbische oder oppositionelle Bevölkerungsgruppen vorgegangen. Das heißt der Großteil der kroatischen Juden ist in Kroatien von Kroaten umgebracht worden."
Rolle der Bevölkerung wenig erforscht
Inwiefern die von den Nazis in Serbien eingerichtete Marionettenregierung unter Milan Nedic und die Bevölkerung des Landes aktiv am Judenmord beteiligt gewesen sind, ist bis heute nur unzureichend erforscht. Erwiesen ist, dass mit den Besatzern kollaboriert wurde. Die Hauptverantwortung für Terror und Mord lag hier allerdings bei der Deutschen Wehrmacht, der die SS und die serbischen Polizeikräfte unterstellt waren.

Ein Drittel des Besatzungsapparates in Serbien formten Österreicher, darunter der General Franz Böhme, der von Hitler zu Bekämpfung des organisierten militärischen Partisanenwiderstandes unter Josip Broz - Tito - eingesetzt wurde. "Innerhalb weniger Wochen ermordeten die Exekutionskommandos der Wehrmacht in Serbien mehr als 20.000 Zivilisten - als Vergeltung für Partisanenaktionen. Die Unterstützung für die Widerstandsbewegung sank", so Manoschek. Folglich mussten sich die Tito-Partisanen im Winter 1941/42 temporär aus weiten Teilen Serbiens in Richtung Montenegro und Bosnien zurückziehen. Sie sollten wieder erstarken und in den Jahren 1944 und 1945 Jugoslawien, sowie Teile Italiens und Österreichs befreien.
Instrumentalisierung der Kriegstoten
Die in den 1980er und 1990er Jahren von nationalistischen Historikern und Politikern wie Franjo Tudjman oder Slobodan Milosevic zur perfiden Perfektion gebrachte Kriegsopfer-Arithmetik hat schon unter dem sozialistischen Tito-Regime begonnen.

Der Belgrader Historiker Dragan Cvetkovic nimmt an dem vor wenigen Jahren installierten Dialogprogramm serbischer und kroatischer Geschichtswissenschafter teil: "Das Ziel der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien war, der Internationalen Gemeinschaft möglichst hohe Opferzahlen zu präsentieren. Damit sollten hohe Reparationszahlungen von Deutschland erreicht werden. Die Zahl von 1,7 Millionen Kriegstoten, die damals in Umlauf gebracht wurde, entsprach nicht den tatsächlichen Begebenheiten, kreierte aber eine Menge Mythen, die seitens der Politik in den 1980er und 1990er Jahren ausgenützt und zur Aufheizung der Kriegsstimmung im ehemaligen Jugoslawien verwendet wurden."
Kampflätze der Erinnerungspolitik
Im Zuge der nationalistischen Unabhängigkeitsbestrebungen in den 1980er und 1990er Jahren wurden aus Opfern und Tätern Opfer- und Täter-Nationen. Zwei Orte wurden zu zentralen Kampfplätzen serbischer und kroatischer Erinnerungspolitik. Sie spalten bis heute serbische und kroatische Historiker, Politiker sowie die Bevölkerung der beiden Staaten. Wenn auch bei weitem nicht mehr so stark wie im ausklingenden 20. Jahrhundert. Es handelt sich einerseits um das größte jugoslawische Konzentrationslager, das kroatische KZ Jasenovac und um einen Ort in Österreich: Bleiburg in Südkärnten.

Dorthin flüchteten Mitte Mai 1945 die jugoslawischen Kollaborateure der Nationalsozialisten - kroatische Ustascha, slowenische Domobrancen, serbische Tschetniks und andere. Begleitet wurden sie von Zivilisten, die bei einem Verbleib in der Heimat Übergriffe der Partisanen befürchteten. Als die Flüchtlinge in Bleiburg ankamen, übergaben sie die britischen Besatzer an die Partisanen. Wie viele Personen diese daraufhin umbrachten, ist unklar. Die Rache der Partisanen gehörte zu den Tabus der Tito-Zeit.
Hass zwischen Ethnien geschürt
Mit Hilfe übertriebener Opferzahlen zu Jasenovac und Bleiburg schürten Kroaten und Serben in den 1990ern den gegenseitigen Hass der Ethnien. Das von den Ustascha geführte KZ Jasenovac wurde auf kroatischer Seite vom Historiker und späteren Präsidenten des Landes Franjo Tudjman zum bloßen "Arbeitslager" hinuntergespielt.

Ähnliches geschah auf serbischer Seite, sagt Dragan Cvetkovic: "In Serbien behaupteten Personen, die sich selbst als "Historiker" bezeichneten - was sie nicht waren - dass in Jasenovac zwischen 700.000 und eine Million Menschen ermordet worden sind, der Großteil davon Serben. Die Kroaten verneinten diese Zahl und sprachen von 20.000 bis 40.000 Opfern." Über das Massaker in Bleiburg behauptete die kroatische Seite wiederum, dass dabei 200.000 Menschen umgekommen seien. Die Serben sprachen davon, dass es nicht mehr als 10.000 Opfer gegeben hat. Cvetkovic: "All das schaffte ein sehr schlechtes Klima und die Menschen begannen, einander zu hassen."
Seriöse Jasenovac-Studie
Eine der wenigen, in der Fachliteratur immer wieder zitierten, seriösen Jasenovac-Studien kommt nach der Auswertung des Zensus von 1964 sowie 140 Monografien und anderen Materialien zu dem Schluss, dass im größten KZ Jugoslawiens etwa 85.000 Menschen ermordet worden sind - der Großteil davon Serben, gefolgt von Juden, Kroaten und Roma.

Wie viele Menschen insgesamt dem Holocaust in Jugoslawien zum Opfer fielen, ist bis heute nicht genau bekannt. Sämtliche seriösen Berechnungen deuten darauf hin, dass die vier Kriegsjahre dem Vielvölkerstaat etwa eine Million Kriegstote hinterließen - etwa acht Prozent der Gesamtzahl der Bevölkerung. Die Mehrzahl darunter sind von Jugoslawen getötete Jugoslawen. Die Zahl der jüdischen Opfer liegt - einer detaillierten Berechnung Holm Sundhaussens zufolge - zwischen 55.000 und 60.000, die 4.000 ausländischen Juden nicht hinzugezählt. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten etwa 80.000 Juden auf jugoslawischem Boden.
Viele offene Fragen
Die Forschungsdesiderata seien im gesamtjugoslawischen Raum nach wie vor relativ hoch, sagt Walter Manoschek: "Besonders, was die Frage der Justiz nach 1945 angeht. Sind etwa Personen vor jugoslawischen Gerichten wegen Judenverfolgung, Judenvernichtung angeklagt gewesen, sind Urteile gesprochen worden? Und auch die Rolle der Bevölkerung beziehungsweise ihr Wissen über Judenverfolgung und Judenvernichtung sind ungeklärt."

Text: Tanja Malle

Weiteres unter anderem zu finden: http://de.wikipedia.org/wiki/Serbien_im_Zweiten_Weltkrieg#Vernichtung_von_Juden_und_Roma

http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust


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...mehr zu Bulgarien.

Beitrag  Admin am 12/6/2012, 20:10


Bulgarisches Paradox

von Nellja Veremej
Bulgarien stand im Zweiten Weltkrieg an der Seite der Nationalsozialisten - und doch gab es organisierten Widerstand gegen die Judenverfolgung
Gleich zu Beginn unseres Streifzugs durch die Altstadt Sofias überrascht mich mein Begleiter: "Wir haben sehr gute Beziehungen zu allen religiösen Gemeinden, zu der muslimischen und orthodoxen, wir besuchen gegenseitig unsere Feste - wir leben friedlich miteinander." Maxim Benvenisti ist der stellvertretende Vorsitzende von "Schalom", der Organisation der Juden in Bulgarien. "Es gab bei uns keine Pogrome und keine Ghettos", erzählt er, "hier war man den Juden gegenüber immer tolerant. Das ist natürlich meine persönliche Meinung, man kann jede Aussage relativieren, wenn man von einzelnen Konflikten ausgeht. Aber selbst sie sind nicht als Antisemitismus großen Stils zu bezeichnen." Ein von außen nicht ausgeschildertes Museum hinter der Synagoge beherbergt eine kleine Ausstellung zur Geschichte der bulgarischen Juden, die bis in die Zeiten des Römisches Reiches zurückgeht.
Unsere Sprache war Ladino
In der Zeit des osmanischen Reiches stieg die Zahl der Juden auf dem Balkan erheblich an: 1492 vertrieb die spanische Königsfamilie die Juden aus ihrem Reich, und der osmanische Sultan, Süleyman der Prächtige, bot ihnen Unterschlupf in seinem Imperium an. Die ersten Stationen für die Vertriebenen in der Region waren Thessaloniki und Sarajevo; allmählich verstreuten sie sich über den Balkan, so kamen die Juden auch ins heutige Bulgarien. Etwa 90 Prozent der bulgarischen Juden sind Sephardim; so nennt man die damals aus Spanien kommenden Juden.
"Menschen namens ›Benvenisti‹ kann man überall auf der Welt treffen - so heißt die Stadt in Spanien, aus der unsere Vorfahren kamen", erzählt mein Begleiter. "Unsere Sprache war Ladino, Judeospanisch, mein Vater konnte sie noch - ich kann mich erinnern, dass er sich deswegen gut mit den Kubanischen Genossen verständigen konnte. Ich sage ›war‹, weil Ladino heute eine tote Sprache ist."
Maxim Benvenisti ist Ende 40 und verbrachte den Großteil seines Lebens im sozialistischen Bulgarien; darüber erzählt er ohne Verbissenheit: "Zwar gab es den sogenannten Kader-Antisemitismus, aber das war eher ein Zwangsimport aus der Sowjetunion, und zu Repressionen, im Unterschied zu einigen anderen sozialistischen Ländern kam es hier nicht. Die Richtlinien der Regierung versuchten, alle ethnischen Identitäten auf die eine bulgarische zu reduzieren und manche Juden wechselten ihren Namen, aber so etwas wie die Zwangsassimilierung, wie sie die bulgarischen Türken erlebt haben, ist den Juden erspart geblieben. Als Schüler habe ich mich für jüdische Geschichte und Kultur sehr interessiert. Die Synagoge wurde ständig renoviert. Mein Onkel hat mir eine Besichtigung organisiert und sagte: jetzt hast du das gesehen, mehr brauchst du nicht, wenn du Karriere machen willst."
Öffentliche Proteste
Maxims Onkel, David Benvenisti, war ein angesehener bulgarischer Historiker, der sich hauptsächlich mit der jüdischen Geschichte beschäftigte. Eines seiner Hauptwerke ist Die Rettung der bulgarischen Juden. 1941-1944, ein Kompendium zu einem Thema, das außerhalb des Landes kaum beachtet wird. Für die Bulgaren jedoch war dieser Fall eine Art Reifeprüfung in Sachen Zivilgesellschaft, die die meisten europäischen Länder in den vierziger Jahren nicht bestanden haben; lediglich in Dänemark und Bulgarien gab es organisierten Wiederstand gegen Judenverfolgung.
Die Gedenktage für die Rettung der bulgarischen Juden fallen auf den 9., den 10. und und den 11. März: "In diesem Jahr haben wir das 60. Jubiläum der Aktion der Rettung gefeiert, das sind staatliche Gedenktage, nicht nur unsere internen", erklärt Benvenisti. "Wir feiern, weil 50.000 Menschenleben gerettet wurden, und wir trauern um die Juden aus Makedonien und Thrakien, die damals in den Tod geschickt wurden."
Es ist ein Paradox, denn Bulgarien gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den Verbündeten Nazi-Deutschlands, und am 7. Oktober 1940 verabschiedete die bulgarische Regierung das "Gesetz zum Schutze der Nation", das die Rechte der Juden einschränkte. Es sollte gleichzeitig aber auch den Anstoß zum zivilen Widerstand geben. In Bulgarien lebten zu der Zeit 63.403 Juden, etwa ein Prozent der Bevölkerung. Sie lebten nur in den Städten, die größte Gemeinde gab es in Sofia, von hier nahmen die Proteste gegen die Regierungspolitik ihren Ausgang.
Der Vorsitzende des jüdischen Konsistoriums in Sofia, Josef Geron, initiierte eine Kampagne gegen das Gesetz, das starkes Echo in der Bevölkerung fand. Bekannte Schriftsteller schickten Protestschreiben an die Regierung mit den Worten: "Im Namen der Zivilisation und im Interesse des guten Namens Bulgariens appellieren wir an Sie, das Gesetz nicht zu verabschieden. Seine Auswirkungen würden einen dunklen Flecken auf unsere Gesetze werfen und eine unerträgliche Spur in unserer nationalen Erinnerung hinterlassen." Bulgarische Prominente, viele Verbände und der christilich-orthodoxe Heilige Synod schlossen sich dem Protest an. Die Sympathiebekundung für die Juden provozierte faschistische und antisemitische Organisationen zu Gegenaktionen, eine Mehrheit in der Gesellschaft hielt jedoch ihren Widerstand aufrecht.
Unter starkem deutschem Druck wurde das Gesetz am 21. Januar 1941 dennoch im Parlament verabschiedet und am gleichen Tag vom König Boris III. ratifiziert. Das Gesetz sah die gleichen Beschränkungen und Demütigungen vor, denen Juden in anderen Ländern des besetzten Europa ausgesetzt waren: Juden mussten das gelbe Abzeichen tragen, ihre Häuser und Geschäfte wurden gekennzeichnet. Die Männer waren zu Zwangsarbeiten verpflichtet; zuerst arbeiteten sie gemeinsam mit bulgarischen Männern, dann aber bestanden die Deutschen darauf, dass die Juden von den anderen Arbeitern getrennt wurden.
Auch von sämtlichen qualifizierten Posten wurden die Juden entlassen. "Das war nicht nur Ausgrenzung oder bloße Demütigung", sagt Benvenisti, "mein Vater hat in einer Apotheke gearbeitet. Als deren Besitzer enteignet wurde, mussten auch die jüdischen Angestellten gehen. Viele Bulgaren haben die Situation zu ihren Gunsten genutzt, doch es gab auch viele Menschen, die bei der Umsetzung der Vorschriften alle Fünfe gerade sein ließen. Manche haben nur symbolisch die Eigentumsrechte übernommen, andere ließen die Juden in Betrieben heimlich qualifizierten Beschäftigungen nachgehen. Zu Solidarität mit den Juden bewegte die Menschen nicht nur die Haltung der Öffentlichkeit und des bulgarischen Klerus, sondern auch die kommunistische Untergrundorganisation, die die Sympathien der Bevölkerung genoss und in der Juden und Bulgaren zusammen gekämpft haben."
Staatsbürgerschaft als Rettungsanker
Doch allein der Entzug der Bürgerrechte reichte "zum Schutze der Nation" nicht aus: Bulgarien verpflichtete sich Deutschland gegenüber, 20.000 Juden zur Deportation bereitzustellen. Zuerst waren die staatenlosen Juden aus den bulgarisch besetzten Gebieten Thrakiens, Makedoniens und Ostserbiens betroffen. Diese Gebiete hatten einen Sonderstatus, denn zu Beginn des Krieges hatte Bulgarien Thrakien und Makedonien mit Hilfe der Deutschen angegriffen und okkupiert. Die Deutschen stellten für ihre Unterstützung die Bedingung, dass die Juden dieser Gebiete keine bulgarische Staatsbürgerschaft erhielten. Als Staatenlose waren sie die ersten, die deportiert wurden, für sie gab es keine Rettung: am 4. März 1943 wurden sie in Lagern interniert, Ende des Monats begannen die Transporte nach Norden, mit dem Endziel Treblinka - die Gesamtzahl der aus diesen Gebieten deportierten Menschen beträgt 11.384.
Um die Zahl von 20.000 zu erreichen, benötigte die Regierung weitere Opfer. Doch selbst starker deutscher Druck vermochte diese im Kernland Bulgariens nicht durchzusetzen. In Kjustendil, einer kleinen Stadt, in der die Deportation um Mitternacht zwischen dem 9. und 10. März 1943 ihren Lauf nehmen sollte, brach der Protest gegen Regierungspolitik offen aus. Gerüchte, dass die Juden irgendwohin nach Polen deportiert würden, waren schon längst im Umlauf; als ein altes Fabrikgebäude geräumt wurde, bestätigten sich die schlimmsten Vermutungen. Eine prominent besetzte Delegation aus Kjustendil brach nach Sofia auf, um der Regierung ihren Protest zu bekunden. Die Kjustendiler drohten dem Innenminister Petr Gabrovski in Sofia mit "persönlichen Sanktionen", was durchaus als Morddrohung gedeutet werden konnte. Gabrovski stimmte zu, den Termin der Deportation zu verschieben.
Eine Woche später legte der stellvertretende Parlamentpräsident Dimitr Peschev dem Parlament ein Manifest vor, in dem es unter anderem hieß: "Ein solcher Akt darf nicht erlaubt werden, nicht nur, weil die betroffenen Personen nicht ihrer Staatsangehörigkeit beraubt wurden und daher legal nicht aus Bulgarien vertrieben werden können; eine Handlung dieser Art hätte auch ernsthafte politische Konsequenzen für das gesamte Land."
Um die gleiche Zeit wurden die Juden in der Stadt Plovdiv in ein Schulgebäude für die bevorstehende Deportation zusammengetrieben. Das religiöse Oberhaupt, der Metropolit Kiril, mobilisierte die Plovdiver orthodoxe Gemeinde. Die Priester ließen die Kirchenglocken dröhnen und wandten sich an die Gemeinden mit dem Aufruf zu zivilem Widerstand. Der Metropolit selbst stieg über den Zaun des Schulgebäudes, um den Juden seine Entschlossenheit zu bekunden, sie nicht zu verlassen und ihnen in die Deportation zu folgen. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Dieser offene Widerstand hatte zum Ergebnis, dass der deutsche Polizeiattaché Karl Hoffmann am 5. April 1943 seinen Vorgesetzen mitteilen musste, dass in Bulgarien "weder die ideologischen noch die rassischen Voraussetzungen" existieren, "um eine breite Unterstützung für Deportationen zu erlangen."
Neubeginn in Israel
Mittels eines Erlasses wurden im Mai 1943 die Juden aus Sofia in die bulgarische Provinz vertrieben. Das hat sie vor der Deportation in deutsche Vernichtungslager bewahrt. Das antijüdische Gesetz jedoch galt bis zum Kriegsende weiter, was das Leben der Vertriebenen enorm belastete - die Unterkünfte waren dürftig, die Geretteten auch weiterhin rechtlos und mit Arbeitsverbot belegt. Unmittelbar nach einem Treffen mit Hitler im August 1943, starb König Boris III unter unaufgeklärten Umständen. Die Legende sagt, es sei die deutsche Rache dafür gewesen, dass Boris in der jüdischen Frage unnachgiebig blieb. Im August 1944 widerrief die bulgarische Regierung unter anderen auch die antijüdischen Gesetze - denn der Krieg galt als entschieden, das Kriegsende war nah. Anfang September desselben Jahres marschierte die sowjetische Armee in Bulgarien ein, es wurde eine neue Koalitionsregierung gebildet, in der die Kommunisten dominierten.
Viele Kader für die sozialistische Elite rekrutierten sich aus dem antifaschistischen Gruppen. Die Juden hatten keine eigene antifaschistische Organisation, wie es zum Beispiel in Polen der Fall war, in den ersten Regierung besaßen sie jedoch politischen Einfluss. In der ersten Nachkriegszeit wirkten im Land unbehindert viele zionistische Organisationen; Bulgarien war der einzige sozialistische Staat, der damals die Juden nach Israel auswandern ließ. So verließen bis 1949 rund 90 Prozent der bulgarischen Juden das Land und flohen nach Israel.
Die spontanen Rettungsaktionen bezeichnet man heute als "bulgarisches Paradox". Die Bulgaren sind stolz auf ihren Widerstand, doch diese Geschichte ist außerhalb des Landes kaum bekannt. Als im April 1993 der damalige bulgarische Präsident Zelju Zelev zur Einweihung des Holocaust-Museums nach Washington reiste, war er überrascht, dass Bulgarien lediglich auf der "schwarzen Liste" der Holocaustgeschichte stand, als ein Verbündeter Deutschlands, der die Deportation der Juden aus den besetzten Gebieten zugelassen habe. Mit einem Protestbrief wandte sich Zelev an US-Präsident Clinton und insistierte darauf, dass noch vor der Einweihungs-Zeremonie die Museumsmaterialien vervollständigt werden müssten. Das Weiße Haus stellte eine hektische Recherche an und gab dem bulgarischen Präsidenten Recht.
Die Rolle des Königs
Die Geschichte Bulgariens im Zweiten Weltkrieg gewann in der aktuellen Politik an Bedeutung als Simeon II., Sohn von König Boris III., vor zwei Jahren Ministerpräsident Bulgariens wurde. In den bulgarischen Medien trägt der gute Ruf des Vaters von Simeon Saksoburgottski, wie sein bürgerlicher Name nun lautet, zur Popularität des Ministerpräsidenten bei. Dennoch ist die Rolle des damaligen Königs in der Geschichte umstritten: Ohne Erlaubnis des Königs hätte der Innenminister Gabrovski nicht gewagt, die Deportation zu verschieben, es existieren jedoch keine Dokumente, die seine persönliche Stellungnahme zu den Ereignissen belegen. Die Legende, wonach König Boris vergiftet wurde, weil er sich Hitlers Forderung nach Auslieferung der Juden widersetzte, ist nicht bestätigt. Auf die Frage, wem die Rettung der Juden zu verdanken sei, gibt es keine eindeutige Antwort. "Das waren vor allem einfache Leute, von der Prominenz und der orthodoxen Kirche angetrieben, die in Kernbulgarien die Deportation blockierten", meint Benvenisti.
Bittere Fragen, die auf die persönliche Schuld der damaligen Politiker zielten, waren auch während der Jubiliäumsfeierlichkeiten in diesem Jahr zu hören. Dennoch standen die Jubiläumstage im Zeichen von Dankbarkeit. "Ich denke, dass den bulgarischen Juden der Messias am 9. März 1943 erschienen ist," sagte eine Frau, deren Eltern damals dem Vernichtungslager entkommen sind. "Dass ich auf dieser Erde existiere, verdanke ich der Tatsache, dass ich hier geboren bin, in diesem kleinen Land, das in seiner Würde und Humanität ein Riese ist."
Moralische und politische Stigmatisierung
Es war der damalige Vize-Parlamentschef Dimitar Peschew, der der Rettung der Juden aus den Gebieten um Polwdiw (Plovdiv) und Kjustendil in Süd- bzw. Westbulgarien den Weg bereitete. "Wir können nicht glauben, dass es Pläne gab, diese Menschen von Bulgarien wegzuschicken. Ein solcher Akt würde Bulgarien zu Unrecht stigmatisieren, moralisch wie auch politisch", lautete die Deklaration von Anfang März 1943. Auf sie folgte eine Petition gegen die Deportation der Juden.
An den Widerstand des Rechtsanwalts und parteilosen Parlamentariers gegen die Anordnungen des damals mit Bulgarien verbündeten NS-Deutschlands, alle Juden zu deportieren, erinnerte auch der Sofioter Vorsitzende der jüdischen Organisation "Shalom", Alek Oskar. "Wenn jeder von uns nur einen Tropfen von Dimitar Peschews Würde besitzt, werden wir in einer besseren Welt leben", sagte Oskar laut der bulgarischen Nachrichtenagentur BTA am Montag bei einer Gedenkveranstaltung vor dem Parlament in der bulgarischen Hauptstadt.
Bulgarisch-Orthodoxen Kirche setzte sich ein
Die besondere Rolle der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche hob dort auch der israelische Historiker Shlomo Shaltiel hervor. Ihr öffentliches Eintreten für die Juden sei zentral gewesen. Aber auch Schriftstellerverbände und Anwälte hätten sich gegen die Zwangsverschleppung der jüdischen Mitbürger ausgesprochen. Tatsächlich ergriff nicht nur der bulgarisch-orthodoxe Metropolit von Sofia und spätere Exarch Stefan anders als Papst Pius XII. (1939-1958) öffentlich Partei und appellierte an König Boris III., die Deportationen zu beenden.
Boris wurde zwar nach Deutschland zitiert, verweigerte Adolf Hitler die Auslieferung der Juden aber weiterhin. Der Druck auf die bulgarischen Juden ließ nach 1943 nach - anders als etwa in Ungarn, wo noch 1944 über 400.000 Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Bulgarien konnte nach Angaben des in London forschenden Holocaust-Historikers Martin Gilbert als einziges europäisches Land 1945 auf eine größere jüdische Gemeinde verweisen als vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Großteil der Juden wanderte aber noch vor bzw. unter kommunistischer Herrschaft nach Israel aus.
Peschew starb 1973 einsam, verarmt und ohne je offizielle Anerkennung erfahren zu haben, in Sofia. Erst Ende der 1990er machte ein Buch den "zweiten Oskar Schindler" bekannt. (APA/red)
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Portugal

Beitrag  Admin am 19/6/2012, 16:18

Beginn der Suche nach Flüchtlingsfamilien, die dem Holocaust über Portugal entgehen konnten


SEATTLE, January 10, 2012 /PRNewswire/ --

Die Sousa Mendes Foundation bemüht sich intensiv um die Suche und Identifizierung von Holocaust-Flüchtlingen, denen Aristides de Sousa Mendes im Frühling des Jahres 1940 Einreisebewilligungen ausstellte, um ihnen das Leben zu retten. Sousa Mendes, der portugiesische Konsul in Bordeaux (Frankreich), bewahrte geschätzte 30.000 Menschen vor dem Holocaust. Er stellte Flüchtlingen Einreisebewilligungen für Portugal aus und verstieß dabei gegen die offizielle Verordnung "Circular 14". Diese erließ die portugiesische Regierung für das konsularische Korps und enthielt strikte gegenteilige Anweisungen. Aus diesem Grund wurde er von der Salazar-Diktatur vor Gericht gestellt und hart bestraft.
Aristides de Sousa Mendes verstarb 1954 als verarmter und offiziell in Ungnade gefallener Mann und geriet beinahe völlig in Vergessenheit. 1966 wurde ihm von Yad Vashem, Israels Gedenkstätte für Holocaust-Opfer, posthum der Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" verliehen. Ende der 1980er entschuldigte sich die portugiesische Regierung in aller Form bei der Familie Sousa Mendes und erklärte ihn posthum zum Botschafter.
Die Sousa Mendes Foundation wurde 2010 als Partnerschaft zwischen der Familie des Helden und den geretteten Familien gegründet, um sich gemeinsam auf die beispiellose Suche nach geretteten Flüchtlingen zu begeben. Die gesuchten Personen und Familien stammen aus allen Teilen Europas und erhielten im April, Mai oder Juni 1940 portugiesische Einreisebewilligungen im Süden Frankreichs (Bordeaux, Bayonne, Hendaye oder Toulouse). Auf ihrem Weg nach Portugal durchquerten sie zunächst Spanien, bevor sie sich zwischen 1940 und 1942 von dort aus in die Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien und das Vereinigte Königreich absetzen konnten.
"Die meisten Menschen, die Sousa Mendes gerettet hat, wissen gar nicht, dass sie von jemandem gerettet wurden", erklärte Dr. Sylvain Bromberger, emeritierter Professor des MIT, der selbst zu den glücklichen Überlebenden zählt. Bromberger ist im Stiftungsvorstand tätig und aktiv in die Bemühungen involviert. Die Suchaktion wird von Dr. Olivia Mattis geleitet, die ebenfalls Mitglied des Vorstands ist und von der freiwilligen Helferin Marie J. Gomes unterstützt wird.
Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten wie beispielsweise Salvador Dali, Hans und Margret Rey (die Autoren von Curious George), die Familie Habsburg, die Familie Rothschild und der Filmemacher King Vidor erhielten Einreisebewilligungen von Sousa Mendes. Der Großteil der Einreisebewilligungen ging jedoch an gewöhnliche Familien, die dem Grauen der Naziverfolgung entgehen wollten.
Für weitere Informationen und zur Übermittlung von Informationen über Empfänger von Einreisebewilligungen oder deren Familien wenden Sie sich an info@sousamendesfoundation.org oder besuchen Sie die Website der Stiftung: http://www.sousamendesfoundation.org
Rettungsliste
Die folgende Liste enthält die Namen einiger Personen, die entweder selbst oder deren Familien durch die Initiative von Aristides de Sousa Mendes gerettet wurden:
Hamilton Fish Armstrong, Gründer und Redakteur des Magazins Foreign Affairs
Thomas Bennigson, ein Anwalt, dessen Mutter Edith Landsberg gerettet wurde
Daniel Branton, Professor für Zellbiologie der Harvard University
Dr. Sylvain Bromberger, emeritierter Professor für Philosophie und Linguistik des MIT
Salvador Dali
Ilja Dijour, Beauftragte der Hebrew Immigrant Aid Society
Richard de Grab, Fotograf
Erzherzog Otto von Habsburg und die Familie Habsburg
Robbert Hartog, kanadische Wirtschaftsführungskraft und Philanthrop
Dr. Lissy Jarvik, emeritierte Professorin für Medizin der UCLA
Robert Lebel, Kunstkritiker
Kizette de Lempicka, Tochter der Künstlerin Tamara de Lempicka
Alexander Liberman, Bildhauer, Maler und künstlerischer Leiter des Magazins Vogue  
Dr. Daniel Mattis, Professor für Physik der University of Utah
Leon Moed, Architekt
Alfred Montesinos, ehemaliger Präsident von Cartier
Jonah Peretti, Internetguru und Mitgründer von The Huffington Post, dessen Großmutter Adina Cherkin gerettet wurde
Hans und Margret Rey, Autoren der Serie Curious George
Baron Maurice de Rothschild und die Familie Rothschild
Boris Smolar, leitender Europakorrespondent der Jewish Telegraphic Agency
Tereska Torres, Feministin, Schriftstellerin und eine der ersten Frauen, die sich für Charles de Gaulle einsetzten
Julian Tuwim, polnischer Dichter und Neffe des Pianisten Arthur Rubinstein
King Vidor, Filmregisseur aus Hollywood
Wilhelm Weinberg, Kunstsammler und Philanthrop
Dr. Charles Weissmann, biomedizinischer Forscher des Scripps Research Institute
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Spanien

Beitrag  Admin am 19/6/2012, 16:20



Jahrzehntelang galt der spanische Diktator Franco als Retter verfolgter Juden während des Zweiten Weltkriegs. Neue Untersuchungen widerlegen diese Legende.
BERLIN.Nach dem Holocaust wurde die spanische Diplomatie lyrisch. Die eigene Regierung habe während des Krieges den bedrängten europäischen Juden vielfach geholfen, ohne auf ihre Nationalität zu achten. Für das katholische Spanien seien sie keine Angehörigen einer fremden Rasse gewesen, sondern «Brüder», heißt es in einer 1949 vom Spanischen Außenministerium verbreiteten Broschüre.
Systematisch versuchte der außenpolitisch isolierte Generalissimus Franco, sich als selbstlosen Judenretter zu verkaufen.

Nicht ohne Erfolg: Noch in den neunziger Jahren gossen auch politisch unverdächtige Historiker innerhalb und außerhalb Spaniens Zement auf den Sockel dieses selbst errichteten Denkmals. Besonders die Sepharden, Juden spanischer Abstammung und Sprache, habe Franco-Spanien großzügig unterstützt.
Den Mördern überlassen
Neuere Untersuchungen eines deutschen Zeitgeschichtlers dürften dieses Monument nun zu Fall bringen. Der Berliner Bernd Rother zeigt in einer materialreichen Studie, dass Spanien sich im Angesicht des Massenmords wenig brüderlich gegenüber den Sepharden zeigte. Bürokratischer Formalismus und außenpolitisches Kalkül bestimmten die spanische Judenpolitik dieser Jahre.

Nachdem die Nazis einen Großteil Europas in ihre Gewalt gebracht hatten, drohte auch den Nachkommen der 1492 aus Spanien vertriebenen Juden die Vernichtung. Etwa 175.000 Sepharden lebten im besetzten Europa, 4500 von ihnen besaßen einen spanischen Pass. Nur diese kleine Gruppe stellte für Franco-Spanien überhaupt ein Problem dar, die anderen Sepharden überließ die Diktatur ihren Mördern.
Kleinliche Interpretation
Rothers Studie schildert diese Politik ausführlich am Beispiel der «Heimschaffungsaktion»: Im Januar 1943 formulierte das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches ein Ultimatum an Spanien. Bis dahin hatten die Nationalsozialisten Juden neutraler oder befreundeter Staaten
von bestimmten antisemitischen Verordnungen ausgenommen. Das sei nun nicht mehr möglich, hieß es jetzt. Spanien habe allerdings die Möglichkeit, Juden spanischer Staatsangehörigkeit zu repatriieren. Die Frist hierfür sollte Mitte Juni 1943 enden.
Im Osten hatte mittlerweile der Massenmord an den europäischen Juden begonnen. Noch im Januar hatte Madrid trotzdem die Grenzen selbst für Juden mit spanischen Pässen geschlossen. Retten wollte die spanische Diplomatie nur diejenigen Juden, die auch nach sehr kleinlicher Interpretation spanische Staatsbürger waren.
Antisemitismus unter Franco
Und auch diese empfing Madrid keineswegs mit offenen Armen. Im Gegenteil: Da man eine jüdische «Einwanderung» verhindern wollte, griff die Franco-Bürokratie zu radikalen Mitteln. Erst wenn eine eingereiste Gruppe spanischer Juden in einen sicheren Drittstaat ausgereist war, konnten weitere spanische Juden die Pyrenäengrenze überschreiten. Ob inzwischen andere Spanier jüdischen Glaubens von den Deutschen deportiert wurden, spielte dabei keine Rolle. Denn Juden galten vielen Parteigängern Francos als Unruhestifter und potenzieller Revolutionsherd. Ein christlich gefärbter Antisemitismus war weit verbreitet.

Inzwischen wird das Thema Antisemitismus unter Franco auch von spanischen Historikern zunehmend untersucht. Gonzalo Álvarez Chillida ist einer von ihnen. Seit drei Jahren erforscht der Madrilene die spanische Judenfeindschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Der 42 Jahre alte Spezialist für die Geschichte der extremen Rechten des Landes bringt vermutlich im Herbst das erste spanische Buch zum Thema heraus.
Staat aus einem Guss
«Seit den dreißiger Jahren propagierte die extreme Rechte den Mythos von der jüdischen Weltverschwörung - in seiner christlichen Variante», sagt Álvarez Chillida. Bedeutende Vertreter des Francoregimes, wie der Berater des Diktators, Carrero Blanco, glaubten an eine jüdische Verschwörung gegen die christliche Zivilisation. Franco selbst war innerhalb des Regimes eher weniger judenfeindlich eingestellt. Aber auch der «Caudillo» wollte einen katholischen Staat aus einem Guss.
Als Transitland gewährte Franco-Spanien zwar einigen zehntausend Juden den Zugang zu den Seehäfen auf der Iberischen Halbinsel. Allerdings glaubt heute kaum mehr ein Historiker, dass humanitäre Erwägungen hierfür den Ausschlag gaben,. Die Juden waren für Franco vor allem ein Instrument, um das Ansehen bei den militärisch überlegenen Alliierten zu steigern. Dass Spanien ein Refugium für verfolgte Juden gewesen ist, gehört ins Reich der Legende. Eine Legende, die hoffentlich bald vergessen sein wird.
Bernd Rother: «Spanien und der Holocaust». Niemeyer Verlag, Tübingen; 359 Seiten
Für das Web ediert von Manfred Böcker
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Türkei

Beitrag  Admin am 19/6/2012, 16:22

Die in verschiedenen Ländern Europas lebenden türkischen Jüdinnen und Juden bildeten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Gruppe. Dennoch wurde ihr Schicksal während der Shoah bis heute kaum beachtet - weder von Seiten der Türkei noch von der Holocaust-Forschung. Die Turkologin Corry Guttstadt leistet daher mit ihrem Buch Die Türkei, die Juden und der Holocaust Pionierarbeit. Sie räumt dabei vor allem mit dem Mythos auf, die Türkei habe durch ihre "judenfreundliche Politik" unzählige türkische Jüdinnen und Juden vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet.
Genährt wurde dieser Mythos nicht nur durch Aussagen seitens der türkischen Politik, sondern auch durch zahlreiche internationale Publikationen. Darin wurde unter anderem behauptet, die Türkei sei immer schon durch ihre tolerante Haltung gegenüber ihrer jüdischen Minderheit hervorgetreten. Man leitete dies - als angeblich logische Konsequenz - aus der Tatsache ab, dass das Osmanische Reich nach 1492 Jüdinnen und Juden aufgenommen hatte, die aus Spanien vertrieben worden waren. Die Konstruktion einer unverbrüchlichen türkisch-osmanischen Toleranz gegenüber Juden hielt Guttstadts umfassenden Recherchen indes nicht stand.
Ihr einzigartiger Band basiert auf einer Unmenge an Dokumenten sowie auf über 30 Interviews mit Überlebenden und Nachfahren türkischer Jüdinnen und Juden. Die Autorin betrachtet ihre Studie "lediglich als Zwischenergebnis", da die Archive des türkischen Außenministeriums der Forschung bis heute nicht zugänglich sind. Ausgangs- und Angelpunkt der Studie ist die daher differenzierte Perspektive der türkischen Jüdinnen und Juden selbst, die bis jetzt in der Erforschung der Shoah kaum zu Wort gekommen waren. Das Buch bietet darüber hinaus einen Überblick über die Entstehungsgeschichte des türkischen Nationalstaates und der kemalistischen Politik sowie deren Ausgrenzung von ethnischen und religiösen Minderheiten: ArmenierInnen, AssyrerInnen, GriechInnen, KurdInnen - und nicht zuletzt Jüdinnen und Juden.
Die Türkei war bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, als sie Deutschland doch noch den Krieg erklärte, neutral geblieben. "Neutral pro-deutsch", könnte man es auch nennen. So fanden sich zahlreiche offene NS-Sympathisanten im türkischen Militär und im Sicherheitsapparat. Auf ausdrücklichen Wunsch einer türkischen Delegation besichtigte diese 1943 bei ihrem Deutschland-Besuch das KZ Sachsenhausen. Obwohl in der Türkei politische Tätigkeiten außerhalb der Staatspartei CHP strengstens verboten waren, wurden die Aktivitäten der auslandsdeutschen Nationalsozialisten großzügig geduldet. Erstmals erreichten damals auch die Schriften des modernen Antisemitismus das Land: "Die Protokolle der Weisen von Zion", "Mein Kampf" und "Der internationale Jude" sowie andere antisemitische Schriften wurden ins Türkische übersetzt und teilweise in mehreren Auflagen veröffentlicht. Türkische Faschisten publizierten Hetzartikel und druckten Karikaturen aus dem "Stürmer".
Zwar gab es zu keinem Zeitpunkt in der Türkei eine explizit antijüdische Gesetzgebung, jedoch trafen die Maßnahmen gegen NichtmuslimInnen die türkischen Jüdinnen und Juden während des Weltkrieges besonders hart: Entlassungen, Berufsverbote, Abschaffung von Minderheitenrechten, Zwangsumsiedelungen, Zwangsarbeit, Sondersteuern. Die katastrophalsten Konsequenzen all jener Maßnahmen hatte jedoch der Entzug der Staatsbürgerschaft. Tausende in Europa lebende Jüdinnen und Juden türkischer Herkunft waren nun der NS-Verfolgung schutzlos ausgeliefert. Für die Ausbürgerungen bediente sich die Türkei in Deutschland der Amtshilfe der NS-Behörden. So waren die NS-Stellen als erste unterrichtet, welche Personen den Schutz des türkischen Staates verloren hatten. Allein in Deutschland waren somit zweihundert jüdisch-türkische Familien den Nazi-Schergen ausgeliefert. "Man kann davon ausgehen", so Guttstadt, "dass die türkische Regierung spätestens Mitte 1943 über die systematische Ermordung der Juden durch die Deutschen im Bilde war."
Zwischen 2.200 und 2.500 Juden und Jüdinnen türkischer Abstammung wurden in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor deportiert, weitere 300 bis 400 kamen in Konzentrationslager. Andere wurden von der Gestapo zu Tode gequält oder wählten den Freitod. Zwar gab es einzelne türkische Diplomaten in Europa, die sich erfolgreich für jüdische TürkInnen einsetzten. Aber die Politik Ankaras war klar und unmissverständlich: während deutsche Kriegsschiffe bis Sommer 1944 problemlos die Meerengen passieren konnten, machte die "Festung Türkei" ihre Grenzen für Flüchtlinge dicht und torpedierte Möglichkeiten der Remigration von Jüdinnen und Juden in die Türkei. Die Rettungsaktivitäten von jüdischen Hilfsorganisationen wurden auf alle erdenklichen Arten behindert, etwa in dem man die Durchfahrt und das Anlegen von Flüchtlingsschiffen untersagte. Für die 769 jüdischen Flüchtlinge an Bord der seeuntauglichen "Struma" - darunter etliche Kinder - bedeutete diese Politik am 25. Februar 1942 einen qualvollen Tod. 70 Tage lang hat das Flüchtlingsschiff vor der türkischen Küste bei Istanbul geankert, die Passagiere wurden aber nicht an Land gelassen. Die türkische Küstenwache schleppte die "Struma" letztendlich ins offene Meer, wo sie von einem Torpedo getroffen wurde.
Guttstadt betont wiederholt, dass ihr nichts daran liegt, die türkische Politik während des Zweiten Weltkrieges mit dem Vernichtungsantisemitismus der Nationalsozialisten zu vergleichen oder gar gleichzusetzen. Auf keiner der 520 Seiten ihres Buches verkürzt, vereinfacht oder verharmlost sie durch solche Vergleiche. Ihre Studie beleuchtet jedoch präzise einen dunklen Aspekt der kemalistischen Türkei - ihre Verstrickung in die Shoah - und schreibt die tragische Geschichte der türkischen Jüdinnen und Juden. "Bislang nicht erforscht", schreibt die Autorin, "ist das Schicksal türkischer Roma und Sinti, die ebenfalls Opfer der nationalsozialistischen Mordpolitik wurden." Es ist zu hoffen, dass auch diese Forschungslücke durch eine ähnlich hervorragende Publikation eines Tages geschlossen wird.
Mary Kreutzer
Die Türkei, die Juden und der Holocaust
Eine Studie untersucht die Situation türkischer Juden bis 1945 und kommt so manchem Mythos auf die Schliche...

Von Anke Schwarzer


Corry Guttstadt

beleuchtet die Geschichte der Juden im Osmanischen Reich und der Türkei. Sie untersucht auch die Situation türkischer Juden, die während des Holocaust in verschiedenen europäischen Ländern lebten. Etwa 3000 von ihnen wurden in Vernichtungs- und Konzentrationslager deportiert. Ihr Schicksal wurde bisher nicht erforscht. Die Turkologin füllt mit ihrem umfangreichen Buch eine Lücke in der internationalen Holocaustforschung, in der Länderstudien oft noch fehlen.

Hierzulande gilt die Türkei als wichtiges Exilland während des Nationalsozialismus. Und auch in ihrer Selbstdarstellung präsentiert sich die Türkei gerne als Judenretterin während des Holocaust. Betont wird auch, dass das Osmanische Reich den in Europa verfolgten Juden über viele Jahrhunderte Schutz, Autonomie und große Freiheiten gewährte. Diese Bilder, so zeigt Corry Guttstadt, stimmen nur zum Teil. Im Falle des aufgebauten Mythos, demzufolge türkische Diplomaten überall im besetzten Europa „unter Einsatz ihres Lebens“ Juden gerettet hätten, sei er sogar geradezu makaber.

Aber der Reihe nach. Corry Guttstadt vereinigt fünf große Themen in einem Buch: Sie zeichnet die wechselvolle Geschichte der Juden des Osmanischen Reichs nach und beschreibt die Zäsur, die die Gründung der Türkei für Juden und andere Minderheiten bedeutete. Das Buch beleuchtet außerdem die Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Türkei. Es zeigt die widersprüchliche Politik Ankaras gegenüber Exilsuchenden und die passive Haltung gegenüber den jüdischen Türken, die in Deutschland und den besetzten Ländern um Hilfe baten.

Insbesondere die türkischen Juden, die in verschieden Ländern Europas lebten und Opfer des Holocaust wurden, sind in der internationalen Forschung bisher kaum berücksichtigt worden. Es existiert noch nicht einmal ein Gedenkbuch. Auch die Türkei zeigt wenig Elan, das Schicksal ihrer jüdischen Staatsangehörigen und weiterer Opfer des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Die Autorin sieht ihre Darstellung des Themas, das gut die Hälfte ihres umfangreichen Werks ausmacht, nur als Zwischenergebnis. Als Grund gibt die Historikerin und Turkologin an, dass die Archive des türkischen Außenministeriums der Forschung nach wie vor verschlossen seien.

Juden im Osmanischen Reich

Gegen Ende des Osmanischen Reichs lebten dort fast 400.000 Juden: Thessalonika, genannt das Jerusalem des Balkans, Edirne, Smyrna (Izmir) und Bagdad galten als die größten Gemeinden weltweit. Gemessen an der Gesamtbevölkerung des Osmanischen Reichs, das sich damals noch über drei Kontinente erstreckte, bildeten Juden jedoch nur eine kleine Minderheit, etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Vor allem die ab dem 16. Jahrhundert während der Reconquista aus Spanien eingewanderten Sepharden belebten die Gemeinden. Die etwa 60.000 Menschen brachten das Judezmo mit. Die auf dem Spanisch des 15. Jahrhunderts basierenden Sprache sollte bald von den meisten osmanischen Juden gesprochen werden.

Die sephardische Einwanderung wurde begrüßt, belebten sie doch die durch Kriege verwüsteten Städte des Balkans. Neben Kapital, modernem technischen und medizinischem Wissen brachten die Sepharden auch die Kunst des Buchdrucks nach Konstantinopel. Nach und nach bekleideten viele wichtige Positionen als Steuerpächter und in der Organisierung des Zolls und des Münzwesens.

In dem großen Reich siedelte ein Mosaik jüdischer Gemeinden. Es gab arabisch sprechende Juden etwa im eroberten Mesopotamien, Karäer, kurdische aramäische und italienische Juden und die aus verschiedenen mittel- und osteuropäischen Ländern eingewanderten Aschkenasen. Nachdem die Osmanen unter Sultan Mehmet Fatih 1453 Konstantinopel (heute Istanbul) erobert hatten, war die Stadt verwüstet und entvölkert. Die Osmanen siedelten deshalb viele Türken, aber auch Griechen und Slawen zwangsweise an den Bosporus um. Auch die gesamte jüdische Einwohnerschaft aus dreißig bis vierzig Städten wurden nach Konstantinopel verbracht. Noch bis ins 17. Jahrhundert wurden die Zwangsumgesiedelten in Registern als sürgün (Verbannung) geführt, im Gegensatz zu den kendi gelen (selbst/freiwillig Gekommenen). Die sürgün durften Synagogen errichten, allerdings war es ihnen verboten, für die Dauer mehrerer Generationen die Stadt zu verlassen. Außerdem wurden ihnen bestimmte Berufe vorgeschrieben.

Die Zahl der Juden wuchs aber nicht nur, weil die Osmanen Gebiete mit jüdischer Bevölkerung eroberten wie etwa serbische und bulgarische Gebiete und das anatolische Kernland mit den Städten Diyarbakir und Mardin. Es kamen auch Juden aus christlich-europäischen Ländern, die dort vom vor antijüdischen Massakern und Vertreibungen flohen - seien es die Pest- und Hungersnot-Pogrome im 14. bis 16. Jahrhundert, oder später das Chmelnitzki-Pogrom in Osteuropa.

Es sei zu betonen, dass das Osmanische Reich zu einer Zeit, als überall in Europa Juden verfolgt oder ausgewiesen wurden, Juden aufgenommen hat – auch wenn dies nicht immer aus altruistischen Motiven geschah, so Guttstadt. Bevölkerungspolitik und Interesse an bestimmten Kenntnissen in Finanzverwaltung und neuen Manufakturmethoden spielten dabei eine wichtige Rolle. Die Situation von Juden unter islamischer Herrschaft sei deutlich sicherer als in christlichen Ländern gewesen. Auch wenn es keine explizite Sonderstellung von Juden gegeben habe, so unterlagen sie doch einer Reihe von Einschränkungen, die auch Christen betrafen: Die gayri müslim (Nichtmuslime) konnten ihre Religion frei ausüben, mussten aber die Überlegenheit des Islam anerkennen. Zudem wurden ihnen eine Kopfsteuer sowie andere Sondersteuern auferlegt. Es war ihnen auch verboten, Waffen zu tragen, muslimische Frauen zu heiraten, Pferde zu reiten und höhere Häuser als die der Muslime zu bewohnen. Zeitweise mussten sie sich auch durch das Tragen bestimmter Farben und Abzeichen identifizierbar machen. Es kam auch zu Vertreibung aus Stadtteilen und zeitweise auch zu Ritualmordbeschuldigungen, die aber von Christen ausgingen.

Zäsur 1923

Während viele Juden zur Zeit des Osmanischen Reich einwanderten, verließen viele die neugegründete Türkei Anfang des 20. Jahrhunderts. Etwa 25.000 Juden türkischer Herkunft lebten zwischen den beiden Weltkriegen in verschiedenen Ländern Europas. Die erste Generation türkischer Migranten war also mehrheitlich jüdisch. Die Massenauswanderung begann Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Türkei 1923 als neuer Staat unter Mustafa Kemal (Atatürk) formierte. Seine Partei betrieb eine Türkisierungspolitik, die eine türkisch-muslimische Vorherrschaft zum Ziel hatte. Minderheiten wie christlichen Griechen, Armenier und eben Juden wurde das Leben schwer gemacht – bis hin zur Vertreibung und Massenmord.

Die rigide Türkisierungspolitik verlangte die Zwangsassimilierung der Minderheiten, verdrängte sie gezielt aus der Wirtschaft, auch aus zahlreichen eher schlecht bezahlten Berufen, und beschnitt ihnen außerdem zahlreiche politische und kulturelle Rechte. So verließ in den zwanziger und dreißiger Jahren ein Drittel bis die Hälfte der Juden die Türkei. Wichtigstes Zielland war Frankreich, weil viele türkische Juden Französisch sprachen und eine Affinität zum »Land der Aufklärung« verspürten. Andere Juden gingen nach Lateinamerika, in die USA oder auch nach Italien oder Deutschland. Jüdische Kaufleute und Teppichhändler aus der Türkei ließen sich in Hamburg, Berlin, in Paris, Marseille, Antwerpen und Wien nieder. Andere arbeiteten als Ingenieure, Übersetzer oder als einfache Arbeiter in der Tabakindustrie.
Europa unter nationalsozialistischer Herrschaft

Die Nationalsozialisten deportierten 2.200 bis 2.500 Juden türkischer Abstammung aus verschiedenen europäischen Ländern in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor, weitere 300 bis 400 in die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald, Mauthausen, Dachau und Bergen-Belsen, wo viele von ihnen ihr Leben verloren. Ungezählte mussten sich auf Dachböden oder Wäldern verstecken oder haben sich der Deportation entzogen, in dem sie sich selbst das Leben nahmen. Die Hauptakteure wie Heinz Röthke, Leiter des „Judenreferats“ in Frankreich und Kurt Asche, „Judenreferent in Belgien, lebten wie so viele Täter unbehelligt in der Bundesrepublik.

Der türkische Staat unternahm wenig, um seine Staatsbürger zu retten. Im Gegenteil: Die Politik Ankaras war darauf ausgerichtet, eine Remigration von Juden in die Türkei zu verhindern. Bereits in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Türkei vielen im Ausland lebenden türkischen Juden die Staatsbürgerschaft entzogen. Damit verbunden war, dass die Ausgebürgerten auf Lebenszeit nicht mehr in die Türkei einreisen durften.

Was zunächst noch der Nationalstaatsbildung geschuldet war und auch zahlreiche türkische Staatsbürger betraf, die in Gebieten des ehemaligen Osmanischen Reichs wie etwa Griechenland und Bulgarien lebten, richtete sich diese Politik während des Nationalsozialismus vor allem gegen Juden. Die Anerkennung der türkischen Staatsbürgerschaft wurde für sie zur Überlebensfrage, denn als Staatenlose konnten sie leichter in die Konzentrationslager deportiert werden. Selbst noch 1942 ließ Ankara das Ultimatum der Nationalsozialisten an neutrale und verbündete Staaten zur Repatriierung ihrer jüdischen Bürger verstreichen und bürgerte mehrere tausend türkische Juden aus. Gleichwohl nutzen einige Diplomaten der Türkei ihren Handlungsspielraum und auch jüdische Hilfsorganisationen in Istanbul konnten vereinzelt Juden – oft gegen Zahlung hoher Kautionen – aus dem besetzten Europa retten. So wurden 105 türkische Juden aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit. Die meisten stammten aus Istanbul, Edirne und Izmir. Im März 1945 waren sie im Rahmen eines deutsch-türkischen Zivilgefangenenaustausches an Bord des Schiffs Drottningholm nach Istanbul gelangt. Aber erst nach langen Verhandlungen ließen die türkischen Behörden sie von Bord und internierten sie in Pensionen.

Die Situation für Juden in der Türkei hatte sich allerdings vor allem in den 1940er Jahren weiter verschärft. Zu den zentralen antijüdischen Maßnahmen zählten eine horrende Vermögenssteuer sowie Arbeitslager und Zwangsarbeitsdienste.

Die etwa 850 türkischen Juden, die während des Holocaust repatriiert oder ausgetauscht wurden, kehrten nach dem Krieg – wohl auch unter dem Eindruck der antijüdischen Politik der Türkei während der Kriegsjahre nach Europa zurück und wanderten nach Palästina/Israel aus. Trotzdem erscheint die Türkei in ihrer Selbstdarstellung als eine positive Ausnahme unter den islamischen Ländern, was den Umgang mit ihren jüdischen Staatsbürgern angeht. Die Türkei nutze die Behauptungen über ihre angeblich so judenfreundliche Politik sehr stark zur Eigenwerbung auf internationaler Ebene, so Guttstadt. Vor allem in den neunziger Jahren, als die Türkei wegen Menschenrechtsverletzungen in den kurdischen Gebieten international kritisiert wurde, betonten türkische Politiker, dass die Türkei zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgte Juden aufgenommen habe und dies in der Tradition der Politik des Osmanischen Reiches stehe.

Gestützt werde diese Ansicht durch Stanford Shaws Studie „Turkey and the Holocaust“ von 1993. In der einzigen Monographie zum Thema werde betont, dass türkische Diplomaten „häufig unter Gefährdung ihres eigenen Lebens“ türkische Juden gerettet hätten. Diese falsche Darstellung sei nicht nur in der Türkei, sondern auch weltweit begeistert reproduziert wurden. Im vergangenen Jahr erschien in der Türkei außerdem ein Buch unter dem Titel „Der Botschafter“, dessen Autor ein Großneffe des türkischen Botschafters in Frankreich in den Jahren bis 1943 ist. Der Autor behauptet, sein Onkel habe 20 000 Juden gerettet. In Wirklichkeit wurden laut Guttstadt während seiner Amtszeit nur 100 Jüdinnen und Juden aus Frankreich in die Türkei repatriiert.

Über 2000 Deutsche und 1000 Österreicher lebten 1939 in der Türkei. Neben Facharbeitern und Ingenieuren zählten auch Universitätsprofessoren und Dozenten an mehreren Hochschulen zu dieser Gruppe, die teilweise von der türkischen Regierung in einer „Bildungs- und Modernisierungsoffensive“ ins Land geholt worden waren. Bei der Mehrheit der in der Türkei lebenden Deutschen habe es sich keineswegs um Gegner und Verfolgte des NS-Regimes gehandelt, so Guttstadt, sondern um „ganz gewöhnliche Deutsche“.

Fünf Jahre Forschung

Indem Guttstadt Berichte osmanischer und türkischer Juden auszugsweise dokumentiert, Fotos zeigt und Besonderheiten einzelner Gemeinden herausstellt, ist das Buch gut lesbar und anschaulich geschrieben. Es gelingt ihr auch, die türkischen Juden nicht nur als Opfer des Holocaust zu sehen, sondern die Vielfalt der türkisch-jüdischen Gemeinden in Europa während der Zwischenkriegszeit zu zeigen. Das Buch greift nicht nur ein unterbelichtetes historisches Thema auf. Angesichts eines wachsenden Antisemitismus in Europa und in der Türkei erhält es eine besondere Aktualität. Ihre Arbeit dürfte auch so manche Ansätze des Holocaustgedenken in der deutschen Einwanderungsgesellschaft bereichern.

Das wichtige Buch zeugt von der großen Ausdauer, mit der die Autorin über fünf Jahre hinweg in Europa, Israel, den USA und der Türkei geforscht hat – in Archiven, in KZ-Gedenkstätten, in Gesprächen mit Überlebenden und Zeitzeugen sowie aus Biographien bekannter Personen wie Ted Kollek oder Elias Canetti. Wie bei einer Ausgrabung, so scheint es, hat sie jede winzige Scherbe aufgehoben und den Staub weggepinselt.

Guttstadt, Corry: Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Verlag Assoziation A Hamburg/Berlin, 2008. 520 Seiten, 26 Euro

Meilenstein:
Die Türkei als Zuflucht und verschlossener Hafen
Mit dem lange angekündigten und nun endlich erschienen Werk “Die Türkei, die Juden und der Holocaust” legt die Turkologin und Historikerin Corry Guttstadt ein Buch vor, das zu einem Standardwerk über die Situation der jüdischen Minderheit in der türkischen Republik, vor allem aber über die Positionierung der Türkei gegenüber der deutschen Vernichtungspolitik, werden wird…

Spiegel Online:
Jerusalem - Beatrice Kaplanian kann nicht genau sagen, in welchem Jahr und an welchem Tag sie geboren wurde, weil alle Familienpapiere verloren gegangen sind. Aber sie erinnert sich, dass sie "neun oder zehn Jahre" alt war, als eines Abends der Ausrufer von Nevshehir die amtliche Anordnung verkündete, alle Armenier sollten am folgenden Tag die Stadt verlassen.
Da ihre Eltern nicht wussten, wohin sie gehen würden, packten sie einen Esel voll mit beweglichem Hausrat, nahmen ihre drei Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen, an die Hand und reihten sich, wie befohlen, in "eine lange Karawane" ein. "Es waren Tausende von Menschen."
Nach ein paar Tagen war das Brot, das die Eltern mitgenommen hatten, aufgegessen und das Wasser ausgetrunken. "Die Türken haben uns nichts gegeben, obwohl wir sie angefleht haben." Als erster starb der Vater, irgendwo in der Gegend von Katma, an Erschöpfung. "Wir ließen die Toten einfach liegen, es war nicht möglich, sie zu begraben, es waren zu viele." Familien wurden auseinander gerissen, Kinder irrten umher. "Wir dursteten am Tag und froren in der Nacht."
Nach ein paar Tagen merkten die Armenier, dass sie in Kreisen geführt wurden, dass sie auf einem Marsch in den Tod durch Entkräftung waren. Wie es kam, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder schließlich doch in Aleppo ankam, weiß sie nicht mehr. Nur dass sie eines Tages von "Türken in Uniform" abgeholt, in die Stadt Gazi-Aintab gebracht und bei einer türkischen Familie abgegeben wurde.


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Völkermord an den Armeniern: Trauer um einen Knaben während der Deportation
"Ich war ihr Hausmädchen, aber sie haben mich gut behandelt." Sie weiß auch nicht, was mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern geschah. "Ich habe sie nie wieder gesehen." Dass der Krieg vorbei war, merkte sie erst, als sie von englischen Ärzten in ein Kinderheim nach Amman gebracht wurde. "Das waren gute Menschen." Wann sie nach Jerusalem gekommen ist? "Das ist ganz lange her!" Ihr einziger Sohn, der so wie ihr Vater Garabed heißt, kam 1934 in Jerusalem zur Welt. So steht es in seinem Personalausweis.

Vorlage für die "Endlösung der Judenfrage"
Beatrice Kaplanian, eine der letzten Überlebenden des Völkermords an den Armeniern im Jahre 1915, ist eine zerbrechliche kleine Frau, die nicht mehr lange leben wird. Sehr bald wird es überhaupt keine Zeugen mehr für den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts geben, der Hitler als Vorlage für die "Endlösung der Judenfrage" gedient hat.
"Auf ihre Weise waren die Türken erfolgreicher als die Deutschen", sagt George Hintlian, armenischer Soziologe und Historiker, der seit vielen Jahren Dokumente sammelt und Überlebende und deren Nachkommen interviewt. Hintlian, 1945 in Jerusalem geboren, ist Sohn armenischer Flüchtlinge, die sich 1933 in Palästina kennen gelernt haben. Er hat an der American University in Beirut studiert und spricht und schreibt in sechs Sprachen: Außer Armenisch auch Arabisch, Englisch, Französisch, Hebräisch und - Türkisch. "Wir Armenier sind die Bewahrer der alten türkischen Kultur, ungefähr so wie die deutschen Juden, die ihre deutsche Kultur ins Exil mitgenommen und gepflegt haben."
Hintlian hat acht Bücher geschrieben, sein neuntes, das demnächst erscheint, heißt "The Great War In Palestine" und behandelt die Zeit von 1914 bis 1918 - den Zusammenbruch des osmanischen Reiches und den Beginn des britischen Mandats an der Schnittstelle von Europa und Asien. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in der Region etwa zwei Millionen Armenier, danach noch eine halbe Million. Sowohl Hintlians Vater wie seine Mutter überlebten als Kinder die Todesmärsche, aus der Familie des Vaters kamen nur 4 von 25 mit dem Leben davon, die Familie der Mutter hatte mehr Glück. "Die meisten konnten sich retten." Er selbst lebt mit einer "Geschichte ohne Ende", so lange die Türken leugnen, was sie getan haben, können die Armenier keine Ruhe geben und finden. "Erst werden drei Viertel des armenischen Volkes ermordet, Tausende von Architekturdenkmälern und Kunstobjekten werden zerstört, und dann sagen sie: Es ist nie passiert. Die Armenier lügen."
Ein Schuldbekenntnis der Türken ist unwahrscheinlich
Wenn die Türken ein öffentliches Schuldbekenntnis ablegen und die Armenier um Vergebung bitten würden, wäre das "ein symbolischer Grabstein für die Ermordeten, eine emotionale Entlastung". Aber auch er weiß: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass dies jemals passieren wird. Hintlian, der an vielen Konferenzen und Tagungen teilnimmt, trifft immer wieder türkische Akademiker, Journalisten, Wissenschaftler, "gebildete, kluge, aufgeklärte Menschen". Nur wenn die Rede auf die Armenier kommt, hören die Freundlichkeiten sofort auf, wobei es keine Rolle spielt, "ob es Rechte oder Linke, Konservative oder Liberale" sind. Und das macht den großen Unterschied in der Geschichte der Armenier und der Juden aus, die so viele erstaunliche Parallelen aufweist. Während in Deutschland nur ein paar Revisionisten den Holocaust leugnen, hat der Völkermord an den Armeniern für die Türken nie stattgefunden.
"Und das ist nicht nur die offizielle Politik der türkischen Regierungen, sondern auch die Überzeugung der meisten Intellektuellen, das Programm der Medien und der Glaube der einfachen Leute." Und während die Juden "moralisch gestärkt aus dem Holocaust hervorgekommen sind" und die Völkerfamilie ihr Recht auf einen eigenen Staat anerkannt hat, mussten die Armenier bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion warten, bis ein unabhängiges Armenien ausgerufen werden konnte. Etwa acht Millionen Armenier gibt es in der Welt, weniger als die Hälfte von ihnen lebt in Armenien. Hintlians Familie hat sich über sieben Länder verteilt: Kanada, USA, Australien, Frankreich, England, Ägypten und Libanon. Und ohne die moralische, politische und finanzielle Unterstützung der armenischen Diaspora wäre die armenische Republik nicht lebensfähig - auch dies eine Parallele zu den Juden und Israel, zumindest am Anfang des jüdischen Staates.
Die armenische Gemeinde im Heiligen Land ist eine der kleinsten. Ende der vierziger Jahre lebten etwa 15.000 Armenier in ganz Palästina, heute sind es keine 5000. Die meisten sind emigriert, aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch um in den Konflikt zwischen den Israelis und den Arabern nicht hineingezogen zu werden. In Jerusalem wohnen etwa 2000 Armenier, 1500 von ihnen im "Armenian Compound", dem kleinsten der vier ethnischen Viertel der Altstadt. Man kann es nur durch ein Tor betreten, das um zehn Uhr abends geschlossen wird. Besucher sind, außer in der Jakobus-Kathedrale, nicht gern gesehen, sie würden nur die Ruhe stören. Es gibt im armenischen Viertel keine Cafés, keine Geschäfte, keine Touristenfallen und so etwas wie ein Straßenleben nur an den armenischen Feiertagen. Jeder kennt jeden, und die Armenier machen kein Geheimnis daraus, dass sie gern unter sich bleiben. Im Zuge der Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion sind einige tausend ethnische Armenier nach Israel gekommen, aber sie gehören nicht zur Gemeinde. "Mehr-oder-weniger-Armenier" nennt sie George Hintlian, denn sie sind mit Nicht-Armeniern verheiratet oder anders "assimiliert".
Und "Assimilation", das ist Genozid ohne Blutvergießen. "Über 50 Prozent der Armenier sind inzwischen assimiliert", sagt Hintlian. "In 20 bis 30 Jahren werden es 80 Prozent sein, das ist auch eine Folge der Erfahrung von 1915 - wir vermischen uns, um nicht aufzufallen." Die Assimilation könnte aufgehalten oder wenigstens verlangsamt werden, wenn sich Armenien zu einem "kulturellen und geistigen Zentrum des armenischen Volkes" entwickelt, wohin junge Armenier aus aller Welt kommen, um ihre eigene Kultur zu lernen. Hintlian selbst war schon viermal im Land seiner Vorfahren, zuletzt im Oktober 2004, aber leben möchte er dort nicht.

Kein Handy, keine E-Mail
"Ich bin kein Diaspora-Armenier, ich kann in Jerusalem frei und ungestört leben." Er sagt: Jerusalem, nicht Israel oder Palästina. Er hat kein Handy und keine E-Mail-Adresse, und wer ihn erreichen will, muss es am späten Abend, am besten zwischen 22 und 24 Uhr, telefonisch versuchen. Wenn Hintlian Gäste empfängt, dann nicht bei sich zu Hause, sondern in einem winzigen Café am Jaffa-Tor ("Henry's Coffee Shop"), das einem Armenier gehört. Denn die drei "Clubs", die es im armenischen "Compound" gibt, sind nur für die Bewohner des Viertels da. Die "Armenian Young Men Society" steht der liberalen Partei (Ramgabar) nahe, das "Armenian Sports Committee" tendiert zur konservativen Partei (Tashnak), nur die JABU (Jerusalem Armenian Benevolent Union), 1925 gegründet, ist politisch unabhängig.
Im Vorstand der JABU sitzt auch Aram Khatchatourian, der ein wenig stolz darauf ist, dass er genauso heißt wie der berühmte Komponist, mit dem er freilich nicht verwandt ist. Auch der Vater seines Vaters hieß so, er kam 1906 aus Istanbul nach Jerusalem, während der Großvater seiner Mutter schon Mitte des 19. Jahrhunderts aus Persien eingewandert war.
Aram Khatschatourian der Ältere hatte an der italienischen Kunstakademie in Istanbul studiert, im Wohnzimmer seines Enkels hängen noch immer einige seiner Arbeiten: Ein Bild der Schauspielerin Sarah Bernhardt als Napoleon Bonaparte, ein Porträt des britischen Kriegshelden Lord Kitchener, und dazwischen die "Clermont", das erste amerikanische Dampfschiff, 1807 von Robert Fulton gebaut. Die Gemälde sind künstlerisch eher konservativ und bieder, aber sie zeugen von einem enormen Interesse an der Welt jenseits des armenischen Viertels von Jerusalem.
Aram Khatchatourian der Jüngere, 1959 geboren, ging nach dem Abitur nach Jerewan, um an der Universität von Armenien Geschichte und Archäologie zu studieren. Dabei lernte er nebenbei auch Russisch, seinen M.A. machte er mit einer Arbeit über "Klassische Archäologie in Jordanien". 1982 kehrte er nach Jerusalem zurück, unterrichtete als Lehrer an der armenischen Schule, gab Kurse an der palästinensischen Universität in Bir Zeit bei Ramalla und am Jerusalem Institut für Biblische Studien.
1993 bekam er eine Lizenz als "Tourguide für ganz Israel", doch seit die Touristen wegen der Intifada daheim bleiben, bringt er Studenten am Armenischen Seminar das Alte und das Neue Testament bei. Es sind genau 37 junge Männer, die Priester werden wollen. Aram aber hofft auf den Frieden im Nahen Osten, weil er wieder als Fremdenführer arbeiten möchte, denn dabei kann er mehr verdienen.
Inzwischen ist er verheiratet und hat drei Kinder, die Familie lebt in einem Drei-Zimmer-Gewölbe im armenischen Viertel, zusammen mit Arams 90-jähriger Mutter Serpouhi. Seine Frau Elvira hat er in Varna am Schwarzen Meer kennen gelernt, sie hat immer noch einen bulgarischen Paß. Eine Nicht-Armenierin als Frau wäre für ihn nicht in Frage gekommen, das hätte seine Mutter nie akzeptiert. Zu Hause werden fünf Sprachen gesprochen, Armenisch, Arabisch, Bulgarisch, Hebräisch und Russisch, ansonsten ist das tägliche Leben vollkommen unspektakulär.
"Wir arbeiten, wir lernen, wir feiern unsere Feste." Ab und zu trifft Aram seinen Freund und Cousin Kevork Genevisian, der allein am Jaffa-Tor wohnt. Er hat nie geheiratet, weil er eigentlich Priester werden wollte, "das hat aber nicht geklappt". Dafür hat er 42 Jahre in einer der ältesten Druckereien des Nahen Ostens als Setzer gearbeitet, in der "St. James Armenian Printing Press", die 1833 gegründet und 1993 geschlossen wurde.
"Das kann nur Gott entscheiden"
Kevork, 1932 in Jerusalem geboren, hat die Stadt nur dreimal in seinem Leben verlassen. Einmal nach Italien, einmal nach Lourdes in Frankreich und zuletzt im Jahre 2001 nach Armenien, zur 1700-Jahr-Feier der armenischen Kirche. Obwohl er nicht mehr arbeitet, hat er wenig Zeit. Er schreibt - vor allem über armenische Geschichte und Kultur. Sein letztes Buch, das Anfang 2005 erschienen ist, enthält 77 Texte. Da geht es um "Schöpfer und Geschöpfe", die "Armenische Kirche als Bewahrerin des armenischen Glaubens", das "Christentum als eine Religion des Kampfes".
Außerdem redigiert er seit Jahren einen armenischen Taschenkalender, der neben den armenischen Feiertagen auch alle christlichen, jüdischen und muslimischen Feste auflistet. Es ist sein Beitrag zum Frieden zwischen den Konfessionen. Am 24. April werden sich die Armenier in aller Welt zum Gedenken an die Opfer ihrer Shoah versammeln. In Jerusalem wird es wie jedes Jahr ein Requiem in der Jakobus-Kathedrale und ein Gebet auf dem armenischen Friedhof geben. Neunzig Jahre sind seit dem Völkermord vergangen, aber die Erinnerung und die Angst wollen nicht vergehen. Denn es geht nicht nur darum, was gestern passiert ist, sondern auch, was morgen wieder passieren könnte.
"Die Türken haben uns schon gewarnt", sagt George Hintlian, Anfang der neunziger Jahre habe der ehemalige türkische Ministerpräsident Turgut Özal geunkt, die Armenier sollten nicht vergessen, was 1915 passiert sei. "Es war das einzige Mal, dass ein türkischer Politiker zugegeben hat, daß überhaupt etwas passiert ist, wenn auch nur indirekt."
Die Türken werden sich hüten, Armenien anzugreifen. Aber ihre Verbündeten in Aserbeidschan könnten es stellvertretend für sie tun. "Wir haben uns um Armenien weniger Sorgen gemacht, als das Land noch eine sowjetische Republik war." Auf die Frage, ob und wie man die Türken zur Verantwortung ziehen sollte, was sie den Armeniern angetan haben, sagt die hundertjährige Beatrice Kaplanian: "Das kann nur Gott entscheiden."
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Beitrag  Admin am 19/6/2012, 16:56



Zuletzt von Admin am 3/7/2012, 13:15 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Was man auch wissen sollte..

Beitrag  Juditha am 3/7/2012, 13:05

Shalom zusammen

Bin einfach nur traurig über das, was ich hier vernehme...

Heute zeigt sich die feindliche, böse Haltung gegenüber dem jüdischen Volk viel versteckter und vielfältiger:

Man spricht sich gegen den Staat Israel aus..., man verweist in den christlichen Kirchen nicht oder ungenügend auf die Tatsache, dass Jesus, Jeshua heisst, Jude ist und von den Römern ermordet wurde...

Man muss sich nicht mehr fragen, ob jüdische Schriftsteller/Künstler/Politiker genügend Raum bekommen und nicht diskriminiert werden..., oder man muss sich nicht mehr fragen, ob antijüdische Stimmen wieder vermehrt geduldet werden..., denn all das geschieht leider.

VATER, ich bete Dich an - Segne, befreie, schütze DEIN geliebtes Volk! Lasse DEIN Angesicht über DEINE geliebten Kinder leuchten. Danke, dass Du mein Gebet erhörst. Amen

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(-; Jüdischer HUMOR :-) darf aber auch mal ernster werden im Dialog danach..
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Re: Was man auch wissen sollte..

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